Halberstädter Domschatz

13. Dez 2019

Schatz der Superlative
Museale Präsentation wird nicht umgekrempelt

Es klingt ziemlich emotionslos: „Nach 21 Jahren wechselt die Verantwortung zur Präsentation eines der bedeutendsten Kirchenschätze der Welt aus der Hand der Evangelischen Kirchengemeinde Halberstadt in die Hand der Eigentümerin, der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt.“ Regionalbischof Christoph Hackbeil erlebt wie viele Menschen die Stunde der Vertragsunterzeichnung „sehr emotional“. Stolz empfinde er, dass der Halberstädter Domschatz seit den Zeiten Karl des Großen in großer Treue von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. „Da ist aber auch eine tiefe Traurigkeit, dass sich das 2008 Erträumte anders entwickelt hat“, gesteht der Propst, der in der damaligen Phase Superintendent in Halberstadt war. Er spüre Zufriedenheit mit dem ausgehandelten Vertrag, „der die Mitarbeitenden mit Hoffnung ins Morgen blicken lässt.“ Gemeinde und Kulturstiftung seien per Vertrag Verbündete.

Die Liebe zur Sache, dem Schatz, bleibt mit Herz und Liebe auch nach dem Übergang. Dom und Domschatz gehörten zusammen, Gottesdienst und Kirchenmusik schlagen immer wieder den Bogen.

Diesem Werk dürfe Gottes Segen nicht fehlen, denn dann fehle Entscheidendes, macht Dompfarrer Dr. Torsten Göhler deutlich, der mit GKR-Vorsitzenden Dietmar Großmann und dem Gemeindesiegel die Kulturstiftung per Vertrag auf eine Langstrecke schickt.

Ein Superlativ reiht sich bei diesem einschneidenden Schritt an den nächsten. Als „Stabübergabe für ein gemeinsames Ziel“ verstehen die Beteiligten den Betriebsübergang. Doch hier dreht es sich nicht um den Staffelstabwechsel für eine Kurzdistanz. Fest stand seit längerer Zeit: Die Kirchengemeinde, die sich 1996 das Präsentationsrecht für diese einzigartige Sammlung erstritten hatte, war damit finanziell völlig überfordert. Es musste die Notbremse gezogen werden, erklärten hohe kirchliche Verhandlungsteilnehmer. Die enormen finanziellen Belastungen konnte die Halberstädter Gemeinde allein mit den Einnahmen aus Domschatzführungen nicht stemmen. Die Kulturstiftung des Landes könne sich um Fragen von Service und Vermarktung professioneller kümmern. So übernimmt sie, die seit 1998 Eigentümerin von Dom und Domschatz ist, vom 1. Januar an den Ausstellungsbetrieb, die Kulturvermittlung und die Öffentlichkeitsarbeit für den weltweit nur von der Textilsammlung des Vatikans übertroffenen, in seiner Komplexität umfangreichsten am authentischen Ort gezeigten mittelalterlichen Kirchenschatz Europas.

Die Dauerausstellung zeigt etwa 300 ausgewählte Exponate, bis 2018 gab es zwölf Sonderschauen. „Geänderte Voraussetzungen, gestiegene wirtschaftliche Herausforderungen und potentielle Synergieeffekte führen nun zu dem von allen Partnern gemeinsam gefassten Entschluss, den Betrieb und die damit verbundenen Aufgaben ebenfalls in die Hand der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt zu legen“, heißt es von der Stiftung. Es gehe nicht allein darum, den Schatz nur weiterhin konservatorisch zu betreuen, sondern landesweit, bundesweit und international noch bekannter zu machen. „Wir fordern eine bessere Öffentlichkeitsarbeit für unseren Schatz“, fordert Gemeindekirchenratsvorsitzender Dietmar Großmann.
In den elf Jahren seit der Neugestaltung hätten 460000 Besucher den Domschatz gesehen, rechnet Staatssekretär Gunnar Schellenberger vor. „Der Domschatz mit seiner 1200jährigen Geschichte ist ein Aushängeschild für Sachsen-Anhalt, für ein Land, das voller kultureller Aushängeschilder ist.“

Klar gesagt wird auch, „die museale Präsentation krempeln wir nicht um“ und „schnell müssen infrastrukturelle Neuerungen bis hin zu Museumsshop und Cafè greifen“. Schellenberger, Kuratoriumsvorsitzender der Kulturstiftung des Landes, setzt darauf, „den Schatz international bekannter zu machen. Das ging im bisherigen kleinen Rahmen nicht.“

Damit liegt er auf Kollisionskurs mit führenden Kirchenvertretern. „Nach einer Untersuchung der Hochschule in Wernigerode ist das Besucherpotenzial ausgeschöpft. Da hilft auch mehr Marketing nichts“, stellte vor einigen Monaten OKR Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent des Landeskirchenamtes, fest.

Mit diesem Schritt wird gleichsam Energie frei für das Kerngeschäft der Halberstädter Gemeinde: die Einbindung des Domschatzes mit rund 1250 festlichen liturgischen Gewändern, filigranen Gold- und Elfenbeinarbeiten und dem ältesten gewirkten Bildteppich Europas sowie kunstvoll ausgeführten Skulpturen und Altarbilder, aber ebenso originale Handschriften für die Verkündigung des Glaubens.
Der Schatz-Wert liege in der Geschlossenheit. So deuten erste Signale der Kulturstiftung darauf hin, dass es künftig weniger Leihgaben aus dem Schatz, wie derzeit zwei Exponate in der Hallenser „Ringe“-Ausstellung, aber auch weniger eigene Schauen in Halberstadt geben wird. Staatssekretär Schellenberger spricht in Halberstadt auch Klartext: „Wir wollen unsere Schätze auch behalten und haben entsprechende Vorsorge getroffen“, meinte er mit Seitenblick aufs Dresdner Grüne Gewölbe.

Text und Foto: Uwe Kraus


Medieninformation der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt







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