22. Bonhoeffertag, 1. September 2019

23. Sep 2019

 Einem Neffen, der 1942 einberufen worden war, schrieb Dietrich Bonhoeffer: „Du weißt, was ein gutes Familienleben, was gute Eltern, was Recht und Wahrheit, was Menschlichkeit und Bildung, was Tradition für höhere Güter sind… Aber es ist klar, … daß Dir dadurch Konflikte bevorstehen…“
Auch Dietrich Bonhoeffer selbst hatte durch seine Erziehung Wahrheit als „höheres Gut“ kennen gelernt. Als Christ und Pfarrer war er der Wahrheit verpflichtet. Aber dann kam er zur Überzeugung, dass der Führer des verbrecherischen national-sozialistischen Regimes mit Gewalt beseitigt werden musste, war zum Doppelagenten geworden – und am Ende inhaftiert. Was hieß es nun, unter den jeweiligen Umständen, die Wahrheit zu sagen?
Wir haben diese Frage für den 22. Bonhoeffertag in Friedrichsbrunn aufgegriffen.
Zunächst im Gottesdienst, der wieder „open air“ im Garten des Bonhoeffer-Hauses stattfinden konnte – der Himmel verdunkelte sich zwar zusehends, hielt den Regen jedoch zurück. Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Christine Bick gestaltete den Gottesdienst musikalisch. In der Predigt entfalteten Pfarrerin Angela Kunze-Beiküfner und Hartmut Bick den Wahrheitsbegriff im Alten und im Neuen Testament.
Das hebräische Wort für Wahrheit – aemaet – hängt mit Wörtern zusammen, die „fest, sicher, treu“ bedeuten.
Man kann aemaet sagen, dann geht es darum, dass das, was gesagt wird, verlässlich ist.
Man kann aemaet üben, dann geht es um die Zuverlässigkeit der Person, die etwas sagt.
Ein Wörterbuch sagt es so: „Das Hebräische kennt kein selbstständiges Wort für „Wahrheit“. Das heißt nicht, dass es den Begriff Wahrheit nicht kennt, aber sein Wahrheitsbegriff ist unablösbar mit der Vorstellung der Verlässlichkeit verknüpft“ (ThHWAT I 204). Ein grundsätzliches Gebot, immer und unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, gibt es in der hebräischen Bibel nicht. Stattdessen gibt es die Verpflichtung auf die Treue Gottes und die Förderung dessen, was dem Leben dient.
Als Pfarrerin Kunze-Beiküfner noch zu DDR-Zeiten einige Jahre lang für die Gemeinschaft von Taizé in geheimer Mission zu verbotenen christlichen Treffen in die osteuropäischen Nachbarländer reiste, „bedeutete das für mich selbstverständlich, bei den Grenzkontrollen falsche Angaben über die Zwecke und Ziele meiner Reisen zu machen. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet. Wenn ein Untergrundpriester in der Slowakei enttarnt wurde, erwarteten ihn sehr viele Jahre Gefängnis. Hätte ich bei den gelegentlichen Polizeiverhören die Wahrheit gesagt, hätte ich Menschen gefährdet.“
Auf den ersten Blick scheint das Neue Testament näher an unserem heutigen Wahrheitsverständnis dran zu sein: „alaetheia ist ein wirklicher Tatbestand bzw. ein wahrer Sachverhalt. Aber Johannes und Paulus z. B. haben auch ein tiefes Verständnis des Alten Testamentes. Und darum verbinden sie das eine mit dem anderen:
„Die Wahrheit“, also „das Offenbarte“ ist Jesus Christus. In Christus offenbart sich der wahre und wahrhaftige Gott. Und der Glaube an den in Christus offenbarten Gott bleibt keine Theorie, kein Denkspiel, bleibt nicht abstrakt, sondern prägt den Alltag, hat Einfluss auf das Handeln, führt zu einem mitmenschlichen Verhalten. Der Unglaube andererseits, weil er nicht der Wahrheit entspricht, nimmt dem Denken und Handeln die klare Orientierung.“
Für Gesprächsrunden an den Tischen nach dem „Mittagsimbiss vom Grill“ hatten Ruth Ziemer und Christine Bick Anregungen in Form von Plakaten vorbereitet: „Die ganze Wahrheit über ... Das sagen ihre Gegner... Das sagen ihre Fans...“ Viele Besucher nahmen die Anregung auf und kamen ins Gespräch miteinander: Kann man „die ganze Wahrheit“ über eine Person erfahren? Und wie gehen wir mit dem um, was wir voneinander wissen?
Zu Beginn der Nachmittagsveranstaltung in der Kirche wurden die „Gesprächsergebnisse“ präsentiert.
Dann stellte Dr. Günter Ebbrecht den ersten Referenten vor: Wolf Krötke, emeritierter Professor für systematische Theologie.
Unter dem Thema „Die Wahrheit sagen – die Wahrheit ans Licht bringen“ beschäftigte er sich mit einem Aufsatz, den Dietrich Bonhoeffer 1943 in der Tegeler Zelle schrieb. („Nebenbei schrieb ich einen Aufsatz über: »Was heißt die Wahrheit sagen?«, DB in einem Brief am 18.11.1943.)
Bonhoeffer war also bei seiner theologisch-existenziellen Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage mit einer tödlichen Bedrohung des eigenen Lebens und mit Ängsten um das Leben von Mitverschwörern konfrontiert. Bonhoeffers in dieser Grenzsituation formuliertes Wahrheitsverständnis ist wegweisend und lebensdienlich bis heute. Dietrich Bonhoeffer plädiert für eine kontextuelle, konkrete und lebendige Wahrheit:
Das wahrheitsgemäße Wort ist nicht eine in sich konstante Größe, sondern ist so lebendig wie das Leben selbst. Wo es sich vom Leben und von der Beziehung zum konkreten anderen Menschen löst, wo die ‚Wahrheit gesagt wird‘ ohne Beachtung dessen, zu dem ich sie sage, dort hat sie nur den Schein, aber nicht das Wesen der Wahrheit. Es ist der Zyniker, der unter dem Anspruch überall und jederzeit und jedem Menschen in gleicher Weise ‚die Wahrheit zu sagen‘, nur ein totes Götzenbild der Wahrheit zur Schau stellt.
Für Bonhoeffer ist jede wahrheitsgemäße Rede eingebettet in Beziehungen und hat deshalb eine doppelte Verantwortung:
Weil es in jedem Wort immer um die doppelte Beziehung zum anderen Menschen und zu einer Sache geht, darum muss diese Beziehung in jedem Wort ersichtlich sein, ein beziehungsloses Wort ist hohl; es enthält keine Wahrheit.Im Anschluss an den Vortrag entspann sich ein reges Gespräch mit den Zuhörern.
Mit Gesang und Instrumenten sorgten Christine und Hartmut Bick für die musikalische Umrahmung der Nachmittagsveranstaltung.
Als zweiter Referent stellte sich Marcus Bensmann den Fragen von Pfr. Christoph Carstens und der Besucher. Er arbeitet für Correctiv, „das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum.“
Sein Thema war: Solide Recherche als Grundlage eines glaubwürdigen Journalismus’ und einer gut informierten Gesellschaft. Antworten auf den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘.
Er wies zunächst auf einen grundlegenden Wandel hin, der sich in der Medienlandschaft vollzieht: Früher gab es „die Torhüter“ der Informationen: Verlagsleiter, Redaktionen in Presse, Funk und Fernsehen. Die Informationsempfänger hatten mehr oder weniger Vertrauen in die Sender der Informationen. Dank der Informationstechnologie und digitaler Medien kann heute jeder nicht nur Empfänger, sondern auch „Sender“ sein. Es bleibt die Frage: Welchen Informationen kann ich vertrauen?
Correctiv arbeitet – wie jedes gute Medienunternehmen – mit überprüften und überprüfbaren Informationen — und stellt darüber hinaus Handwerkszeug zur Verfügung, um die „journalistische Kompetenz“ jedes Interessierten zu stärken. Nachrichten werden mit den Lesern zusammen überprüft – und manchmal als Fake News entlarvt.
Mag es bei vielen auch eine Sehnsucht nach der „Herrschaft der Weisen“ geben, Bensmann wäre eine Befähigung der Menschen zu einem kritischen Umgang mit den Medien lieber. Für seine eigenen Arbeiten hat er den Anspruch, alles getan zu haben, was der Wahrheitsfindung dient. Das soll auch rüberkommen – und wenn er dann doch falsch liegen sollte, kann das immer noch korrigiert werden, durch die „journalistisch kompetent“ gewordenen Empfänger.
Vermutlich gehörten die fünfzig Zuhörer nicht zu denen, die die meisten Medien als „Lügenpresse“ verteufeln, aber der eine oder andere mag schon allgemein skeptisch geworden sein, und sei es durch einzelne Erlebnisse, dass es „in der Zeitung nicht so stand, wie es war oder wie wir es dem Redakteur erzählt haben“.
Bensmanns Ausführungen motivierten, aus einem neuen Blickwinkel an den Umgang mit Medien heranzugehen.
Im Garten des Bonhoeffer-Hauses klang der Tag bei Kaffee und Kuchen aus dem Café aus.

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