"Wir sind so viele"

25. Dez 2015

Kirchen sehr gut besucht

"Wir sind so viele", machte Superintendentin Angelika Zädow in ihrer Ansprache zu Heilig Abend Mut, der Botschaft der Engel zu folgen: Frieden auf Erden (Volltext unten).

Allen Umfrageergebnissen zum Trotz (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/nur-wenige-deutsche-gehen-weihnachten-in-die-kirche-13974748.html) waren an Heilig Abend die Kirchen mancherorts so voll wie nie. Von der Christvesper mit liebevoll einstudiertem Krippenspiel (wie mit Gemeindepädagogin Michaela Beutel in Dedeleben, siehe Bilder) bis zur liturgischen Mette in der Nacht, zog es Menschen in die Gotteshäuser. Auch im Kirchenkreis Halberstadt. Ein kleiner Bildeindruck von Land und Stadt nebenstehend.


Ansprache von Superintendentin Angelika Zädow

Dichtes Gedränge auf den Wegen und Feldern -  zu hunderten, zu tausenden strömen Menschen kreuz und quer durch das Land. Ihre Habseligkeiten zu Bündeln gebunden über der Schulter.

Sie mussten vorwärts kommen. Kaiser Augustus hatte es befohlen. Alle sollen sich in ihrer Geburtsstadt registrieren lassen.

Die unbefestigten Wege waren längst zu Schlammwüsten geworden. Die nasse Erde setzte sich an Füßen und Kleidern fest. Alles war klamm und feucht. So liefen sie Tag um Tag -  Kinder, Erwachsene, Alte, Frauen, Männer.

Irgendwann die Lichter des Ortes, in dem die Meldestellen waren. Dort: dichtes Gedränge, lange Warteschlangen vor dem Brunnen, Haus und Hof voller Menschen und Tiere. Kindergeschrei, Rufen, Fragen, Rangeleien, Durcheinander.

Niemand achtet auf die hoch schwangere Frau, die sich in eine Ecke hockt, hechelt, das Gesicht vom Wehenschmerz gezeichnet. Niemand sieht den Mann, der versucht, seine Frau bei der Geburt zu unterstützen.

Mitten im Gedränge kommt ein Kind zur Welt. Sein Bett – die Futterkrippe der Tiere – eine kleine gemauerte Mulde -  geschützt vor den Tritten von Mensch und Tier.

So kommt Gott.

Ins dichteste Gedränge der vielen, die Unterkunft und Auskommen suchen.

So kommt Gott.

Als Kind, das beschützt werden muss vor dem Geschubse und den Ellenbogen.

So kommt Gott.

In die Armut zweier junger Leute ohne Ansehen und Stand.

Fernab vom Gedränge

– dort, wo  Wiesen und Felder nicht zerfurcht waren von den Spuren der vielen Menschen

-  dort, wo noch Nahrung und vor allem Wasser zu finden waren

- dort hüten einige Hirten ihre Schafe und Ziegen.

Schon viele Wochen schliefen sie bei den Tieren, sorgten für Weideplätze und wachten in den Nächten.

Für so einen Beruf musst du kräftig und gesund sein.

Und zupacken können.

Vor allem aber furchtlos -  denn in den Abendstunden lauerten Hyänen und Schakale auf leichte Beute. Da gehört der beherzte Griff zur Steinschleuder oder Keule mit dazu.

Hirte sein -  das war nur ein Beruf für bodenständige Burschen. Für Männer, die hart im Nehmen sind. Nichts für Träumer, Dichter und Denker. Auch nichts für anspruchsvolle Leute. Denn reich werden konnte damit niemand.

Dieses Leben hatte sie geprägt: sie waren unerschrocken und hart im nehmen gegen sich selbst und andere. Richtige Furcht war ihnen fremd und in der täglichen Arbeit wohl auch richtige Freude.

In dieser einen Nacht ist etwas anders. Sie ist heller als alle anderen Nächte. Nicht mehr das Grau des Alltags. Eine Nachricht erreicht sie.

Sie spricht eine Sprache, die sie verstehen:

Ein Kind ist geboren. Drüben im Ort. In ihm zeigt sich Gott selbst.

Er bleibt nicht fern. Er kommt zu uns. Für Euch.

Weil Frieden werden soll. Mit Euch. Durch ihn.

Durch diese Geburt. Durch diese Verhältnisse: Ein Kind -  kein König. Ein Futtertrog -  kein Thron. Windeln -  kein Purpurgewand.

Und sie gehen los -  laufen in den Ort. Zwängen sich durch die fremden Menschen. Fragen nach dem Kind, suchen in der Menge. Und endlich: sie finden das neugeborene. Freude erfüllt sie. Sie erzählen von der Nachricht, die sie erreichte: dass Frieden möglich ist. Durch Gott in diesem Kind.

Stirnrunzelnd wendet sich der ein und der andere ab. Was reden die da? Frieden auf Erden für alle? Durch ein Baby -  Unsinn, Märchen. Jeder ist sich selbst der nächste in dieser Zeit.

Man sieht ja, was hier los ist. Wer weiß wie lange das noch dauert. Bis alle registriert sind.

Doch die Hirten hören nicht auf zu erzählen. „Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.“ Voll Freude und völlig verwandelt kehren sie zu ihren Herden zurück. Hoffnung, froh sein, heil werden -  Frieden -  dafür lohnt es sich, zu leben und zu arbeiten.

Die Eltern mit dem Kind bleiben zurück. Aber sie sind nicht mehr allein unter den Menschen.

Die Freude über die Geburt ihres Kindes in der fremden Umgebung hat sich mitgeteilt.

Alle Umstehenden wissen es nun: hier -  mitten unter ihnen -  ein neugeborenes! In der Fremde kommt ein Kind. Mit dieser Botschaft: Frieden allem Volk. Allen Menschen hier und anderswo.

Gott kommt. Weil er uns einladen will, es ihm gleich zu tun. Ihm nach zu folgen. Als Kind in der Krippe ruft er unsere Sehnsucht wach. Nach Geborgenheit. Nach Frieden. Er lädt uns ein, dieser Sehnsucht nachzugeben. Und kleine Lichtspuren zu setzen: im Umgang untereinander. Im Reden und Denken.

Ja, Du kannst.

Du kannst empfinden.

Du kannst lieben.

Du kannst dich freuen.

Du kannst verschenken.

Du kannst teilen.

Du kannst offen sein für neues und unbekanntes.

Du kannst dich trauen.

Setze deine Spuren wie Lichter in der Nacht.

 

Das Kind wächst heran. Wird erwachsen.

Formuliert selber, was wichtig ist im Leben.

Deckt Ungerechtigkeiten auf.

Kämpft gegen Vorurteile.

Lädt die ein, die am Rand stehen.

Redet klar und deutlich.

Eckt immer wieder an.

Trauert, leidet, lebt -

um dieser Sache willen: Frieden für alle Völker dieser Erde.

Gott wird erwachsener Mensch. Und lädt uns ein, es ihm gleich zu tun. Ihm nach zu folgen. Mit unserem Leben. Vielleicht ist der Weg nach der Krippe, der Weg in den Alltag schwieriger.

Weil wir gefallen wollen.

Weil alles bleiben soll wie es ist.

Weil wir nicht anecken wollen.

Nicht leiden.

Nicht traurig sein.

Vielleicht liegt es aber auch nur an unserem kleinen Mut und unserer großen Angst: vor Unbekanntem, vor Fremdem, vor Neuem.

Doch wir sind viele -  so viele heute am Heiligen Abend. So viele, die ihrer Sehnsucht gefolgt sind. So viele, die die Botschaft hörten: Frieden soll sein. So viele, die ihre Lichtspuren setzen können -  auch in der Nacht. Amen.

Dedeleben
Martini

Fotos: Martin Saß

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