Ostern öffnet die Augen

09. Apr 2020

Die Kanzlerin nutzte sie, die Queen auch, und der amerikanische Präsident sowieso: eine Rede an die Nation. Haben sie viel bewirkt? Bislang dachte ich, in schwierigen Zeiten könnten große Reden helfen. Aber möglicherweise gilt ja ein ganz anderes Gesetz: In normalen Zeiten sind große Reden nützlich, um aufzurütteln. In schweren Krisen zählen dagegen nicht große Worte, sondern Taten.
Mehr noch als sonst frage ich mich in diesem Jahr, was mir Ostern bedeutet. Die Abfolge der Gottesdienste fehlt: das Tischabendmahl am Gründonnerstag, der ungeschmückte Altar am Karfreitag, das zaghaft zunehmende Licht in der Osternacht und das aus vielen Kehlen lauthals gesungene Halleluja am Ostersonntag. Wir können uns nicht in der Kirche treffen, und so denke ich allein darüber nach, welche Botschaft das Osterfest in diesem Jahr für mich bereithält.
Unter den Ostererzählungen der Evangelien ist mir jene am liebsten, von der der Evangelist Johannes erzählt: Maria Magdalena kommt zum Grab, um den Leichnam Jesu zu salben. Ein letzter Liebesdienst. Er verlangt Maria viel ab, sie weint bitterlich. Als sie am Grab ankommt, liegt der Tote jedoch nicht dort. Marias einziger Gedanke: Jetzt haben sie ihn auch noch weggetragen! Da sieht sie Jesus stehen, aber sie erkennt nicht, dass es Jesus ist. Sie meint, es ist der Gärtner. Den fragt sie: Hast du ihn weggetragen? Sag mir, wohin? Und schon geht sie weiter, weil sie gar keine Antwort erwartet, so traurig und ohne Hoffnung ist sie. Da sagt Jesus nur ein einziges Wort. Er spricht sie mit ihrem Namen an: Maria! Sie dreht sich um, und nun erkennt sie Jesus. Rabbuni, bricht es aus ihr heraus. Das ist Aramäisch und heißt: Mein Herr und Meister!
In unseren Gemeinden üben wir uns darin, Kontakt zu halten in kontaktarmen Zeiten. Ich bin beeindruckt von all dem, was da entstanden ist und entsteht: Steine der Hoffnung, Geschichten für Kindergartenkinder, musikalische Grüße vor dem Krankenhaus, WhatsApp-Andacht und vieles mehr. Nicht zuletzt all die zahlreich per Video aufgenommenen Gottesdienste und Andachten, liebevoll als CD auch für jene aufbereitet, für die Streaming und Download nicht möglich sind.
Ich danke Ihnen allen für Mut, Phantasie, Engagement und Offenheit. Gott segne Ihren Dienst!
Und ich erkenne: Es braucht in diesen Tagen gar nicht vieler Worte. Noch nicht einmal große Taten. Es reichen schon kleine Gesten.
Bei Maria Magdalena ist es der liebevoll eindringlich ausgesprochene Eigenname: Maria! Ihre Tränen verschwinden, ihre Traurigkeit verwandelt sich in Freude. Daran will ich an diesem Osterfest denken. Und ich freue mich mit Ihnen über alles, was in schwieriger Zeit dennoch möglich ist. Welche Kraft doch aus unserem Glauben an den auferstandenen Herrn entspringt!
So rufe ich Ihnen zu: Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes, frohes Osterfest!
Ihr Superintendent Jürgen Schilling

Gruß an die Bewohnerinnen und Bewohner der ZAST

Gedanken zum Monatsspruch Mai 2020

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Jürgen Schilling