21. Aug 2026
Die Bewohnerinnen und Bewohner, Mitarbeitende und Freunde des Guten Hirten, einem Wohnangebot für Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen, gedachten der Opfer der Euthanasie.
Am 21. August 1943 wurden 43 Bewohnerinnen aus dem Guten Hirten in Wernigerode im Rahmen der Euthanasie zwangsverlegt. Um ihrer zu gedenken, fand eine Andacht statt, die von Pfarrer Matthias Zentner und Karsten Noack vom Pädagogischen Fachdienst der Evangelischen Stiftung Neinstedt gestaltet wurde.
Nach der Andacht gingen die Teilnehmenden zum Stolperstein für Marie Henning, die in direkter Nähe zum Guten Hirten in der Friedrichstraße in Wernigerode ebenfalls Opfer der Euthanasie wurde. Dort wurden weiße Rosen abgelegt. Im Anschluss wurde am Gedenkstein für die Opfer aus dem Guten Hirten eine Blumenschale aufgestellt.
In der Andacht erklärte Matthias Zentner: „Wir sind heute wanderndes Gottesvolk, wie im Alten Testament, mal bewahrt, beschenkt, mal auch in Schuld verstrickt. Mal mit einem dankbaren Blick zurück, mal sind wir auch voller Scham über die Schuld unserer Vorfahren unterwegs und wissen sogar, dass wir Dunkles in uns selbst tragen, nicht wissen, wozu wir selber fähig sind unter extremen Bedingungen.“
Nach dem Gang zum Stolperstein betonte Matthias Zentner: „Von Marie Henning wissen wir wenig – wir wissen leider, dass sie 1894 in Stendal geboren wurde und am 23. Juli 1941 hier abgeholt und am gleichen Tag ermordet wurde – wie insgesamt 70.000 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Marie litt an Depressionen, seit ihre Mutter sich umgebracht hatte.“
Karsten Noack sagte zu den Anwesenden: „Jeder von uns, jeder Einzelne von euch, jeder Mensch ist einzigartig und kostbar. Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Deshalb darf auch jeder Mensch seine eigenen Gedanken haben. Und seine eigene Meinung und seine eigenen Gefühle haben. Und weil jede und jeder wichtig und einzigartig ist, muss jede und jeder beschützt und behütet werden. Dafür müssen wir sorgen.“
Um die Erinnerung an die Geschehnisse wach zu halten, erläuterte Karsten Noack die Pläne, die Mauer des Guten Hirten künstlerisch zu gestalten. In diesem Zusammenhang wurde das Projekt „Lebensband“ vorgestellt. Die künstlerische Gestaltung der Mauer soll als Aussage für Inklusion und Toleranz stehen und für einen Lebensraum, der die Vielfältigkeit in der Natur und bei uns Menschen als Bereicherung sieht und einbezieht.
Interessierte am Projekt „Lebensband“ finden Informationen dazu auf der Homepage der Evangelischen Stiftung Neinstedt unter: https://www.neinstedt.de/esn/spenden/aktuelle-projekte/Das-Lebensband.php
Hintergrund:
Im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ wurden Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen systematisch erfasst, als „lebensunwert“ diffamiert und ermordet. Betroffen waren unter anderem Menschen aus psychiatrischen Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen und Pflegeheimen. Sie wurden in eigens eingerichtete Tötungsanstalten gebracht und dort unter anderem in Gaskammern ermordet. Im Rahmen der „Aktion T4“ wurden etwa 70.000 Menschen ermordet. Nach deren offiziellem Stopp im August 1941 wurden die Morde dezentral fortgesetzt. Insgesamt wurden im Nationalsozialismus mehr als 200.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet.
Von den 43 Bewohnerinnen des Guten Hirten haben sieben überlebt, elf sind nachweislich ermordet worden. Von den restlichen 25 gibt es keine Angaben.
Text und Fotos von Andreas Damm, Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Stiftung Neinstedt