27. Mai 2014
Beredtes Schweigen und offene Ohren
Gedanken zur Zeit
Beredtes Schweigen und offene Ohren
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Diesen Satz habe ich schon von meiner Großmutter gelernt und er enthält Wahres. Oft ist es richtig, erst einmal den Mund zu halten und nachzudenken bevor geredet wird.
Außerdem kann Schweigendürfen sehr entlastend sein: Reden kann ich mit sehr vielen Menschen, schweigen ohne dass es peinlich oder bedrohlich wirkt nur mit wenigen, das setzt Vertrautheit voraus. In einem kurzen Gedicht von Reiner Kunze heißt es: „Treten Sie ein, legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen.“ Ein Text, den ich als sehr anheimelnd und einladend empfinde. Da darf ich aufatmen und abschalten, mich fallen lassen, muss niemanden unterhalten und keine Weisheiten von mir geben; fühle mich willkommen als diejenige, die ich gerade bin.
Gefährlich wird es, wenn es beim Schweigen bleibt.
Stumm sein ist eine der Krankheiten unserer Zeit. Sprachlos sein - totschweigen – Kontakt verweigern. Es gibt Situationen, wo kein Gespräch mehr möglich scheint, weil die einen am Sprechen und die anderen am Hören gehindert sind.
Wenn nach einer zermürbenden Auseinandersetzung der Eindruck entstanden ist: Das hat doch alles keinen Zweck mehr – der oder diejenige hört überhaupt nicht zu. Was soll ich mich da noch anstrengen, wenn jeder gute Wille fehlt? Oder wenn jemand meint, den anderen Menschen – den Partner oder die Partnerin – so gut zu kennen, das da doch nichts Neues mehr zu erwarten ist – dass Reden nicht mehr lohnt – alles wieder und wieder gesagt ist.
Manchmal wird Schweigen als Strafe eingesetzt: Mit der oder dem rede ich nicht mehr! Das kann dem dazu Verurteilten sehr weh tun, weil es ihn ausgrenzt und hilflos macht, er kann sich nicht verteidigen, nichts er-klären oder auf-klären, keine neuen Wege eröffnen. Dann ist Schweigen alles andere als Gold, sondern ganz einfach falsch.
Jesus hat Menschen zum Sprechen gebracht, er hat sie dazu ermuntert und befähigt. Damit das Unausgesprochene nicht die Atmosphäre vergiftet und Beziehungen zerstört. Offene Worte können dazu führen, Begebenheiten und Menschen in einem ganz neuen Licht zu sehen und sie zu verstehen.
Oft ist es gar nicht so schwer, einem stumm Gewordenen oder stumm Gemachten die Stimme wieder zu schenken. Manchmal reicht die Bereitschaft, aufmerksam zuzuhören. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert!
Ihre Ursula Meckel, Pastorin im Kirchenkreis Halberstadt

Wort aus der Kirche