Bonhoeffertag

31. Aug 2014

"Glück" in Friedrichsbrunn

"Glück und Unglück sind sich in ihrem Anfang nicht unterscheidbar nah. Was ist Glück? Was ist Unglück?", schreibt Dietrich Bonhoeffer. Die Losung des heutigen Tages zum Thema "Glück" nahmen Pastorin Ursula Meckel und Superintendentin Angelika Zädow in ihrer Dialogpredigt auf (Text siehe unten).

Passend dazu wurde die neu konzipierte Ausstellung im Bonhoefferhaus eröffnet und vorgestellt. Mitglieder des Vereins -  allen voran Professor Dr. Günter Ebbrecht und Pfarrerin Ruth Ziemer -  gestalteten sie in Zusammenarbeit mit Studierenden der Hochschule Harz unter Leitung von Professor Högerle. Wieviel Engagement, Zeit, Kreativität, aber auch Lust und Freude darin stecken, kann man ahnen, wenn man durch die beiden Räume geht. Vom "Familienquartett" über eine Wanderkarte zu den Zielen der Bonhoeffers im Harz bis zu beleuchteten Dioramen -  an interaktiven Elementen lässt die Ausstellung keine Wünsche öffen.

Kultusminister Dorgerloh kam nicht zuletzt deshalb eigens angereist, um die Ausstellung zu eröffnen.


Dialogpredigt Bonhoeffertag 2014, Friedrichsbrunn, Pastorin Ursula Meckel (M) und Superintendentin Angelika Zädow (Z)

-          Es gilt das gesprochene Wort -

Z: (strahlend) Was haben wir für ein Glück heute, Ursula!

M: (grummelt) Glück? Was für ein Glück? Wir haben eher Pech! Es wäre so schön gewesen, in der Sonne im Garten drüben Gottesdienst zu feiern. In den letzten Jahren hatten wir da IMMER Glück -  nur dieses Mal nicht.

Z: Gerade da ist es doch ein super Glück, dass wir eine so schöne Kirche als Ausweichquartier für unseren Gottesdienst haben.

M: Aber draußen wäre es viel schöner gewesen …

Z: Bitte, Du kannst ja draußen auf den Regenschauer warten. Ich bleibe drinnen.

M: Na gut, gewonnen, ich stehe auch nicht gern im Regen.

Z: Wenn wir das jetzt geklärt haben, können wir ja mit dem Thema loslegen: Die Tageslosung.

M: Die steht auf dem Liedzettel: „Freu dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beide, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt.“ (Prediger 7,14)

Z: Auweia, das ist aber schwierig. Denn was ist Glück? Was ist Unglück? Da waren wir beide ja schon beim Ort des Gottesdienstes nicht einer Meinung.

M: Was bedeutet, dass Deine Fragen nur jede/r für sich beantworten kann. Was für den einen Glück ist, muss es für einen anderen noch lange nicht sein. In manchen Ländern würden die Menschen sich über Regen heftig freuen. Wir heute eben nicht. Anderswo bedeutet sauberes Trinkwasser beispielsweise Glück. Würde man bei uns wahrscheinlich nicht so sehen bzw. sagen.

Z: Dabei ist Glück etwas wirklich Lebenswichtiges. Doch auch unter uns heute Morgen gibt es sicher ganz unterschiedliche Meinungen darüber, was Glück ist. Weil wir Menschen so unterschiedlich sind, hat auch das Glück ganz unterschiedliche Gesichter: Meine Freundin Miriam  sagt, das größte Glück ist es, mit einem Buch in der einen und einem Glas Sekt in der anderen Hand unter einer warmen Decke auf der Couch zu liegen. Für andere ist es ein Lottogewinn oder einfach, nach einem Laufsprint die Bahn noch zu erwischen.

M: Da gibt es sicher noch eine Menge anderer Beispiele. - Dazu fällt mir eine Geschichte ein:

Es war einmal ein Bauer, der steckte jeden Morgen eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Immer, wenn er während des Tages etwas Schönes erlebt hatte, wenn ihm etwas Freude bereitet oder er einen Glücksmoment empfunden hatte, nahm er eine Bohne aus der linken Hosentasche und gab sie in die rechte.

Am Anfang kam das nicht so oft vor. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr Bohnen, die von der linken in die rechte Hosentasche wanderten. Der Duft der frischen Morgenluft, der Gesang der Amsel auf dem Dachfirst, das Lachen seiner Kinder, das nette Gespräch mit einem Nachbarn – immer wanderte eine Bohne von der linken in die rechte Tasche.

Bevor er am Abend zu Bett ging, zählte er die Bohnen in seiner rechten Hosentasche. Und bei jeder Bohne konnte er sich an das positive Erlebnis erinnern. Zufrieden und glücklich schlief er ein – auch wenn er nur eine Bohne in seiner rechten Hosentasche hatte.

Z: Das finde ich eine schöne Geschichte und eine gute Methode, um sich an glückliche Momente zu erinnern. Ich denke, wir tun das viel zu selten. Oft prägt sich das Negative mehr ein.  Unsere Beispiele zeigen die vielen unterschiedlichen Gesichter des Glücks.

M: Gesichter des Glücks -  das hast Du schon mal gesagt. Was meinst Du damit?

Z: Ich meine erstens das Glück, das mir unverhofft und unverdient zufällt wie der Lottogewinn. Zweitens das erlebte Glück, das eine Zeitspanne umfasst wie das Buch lesen und wohlfühlen bei einem Glas Sekt oder Saft. Und drittens das Glücklich-Sein, das – vielleicht mit so einer Methode wie bei Deiner Erzählung -  zu einer Art Lebenshaltung führt.

M: Und was denkst Du, meint unser Prediger  aus dem Alten Testament, wenn er von Glückstag redet?

Z: Da steht im Hebräischen „ha tow“, also so viel wie „das Gute“.

M: Das könnte im Alten Testament was Ästhetisches sein, z.B. angenehm riechendes Öl, aber auch etwas Nützliches wie fruchtbares Land oder eine gute Tat. Irgendwie von allem ein bisschen, denke ich.

Z: Auf jeden Fall steht fest, dass der Mensch Glück offenbar braucht und auch sucht. Warum werden sonst Horoskope gelesen oder  Münzen in irgendwelche Brunnen geworfen?

M: Wusstest Du übrigens, dass es ein Land gibt, in dem statt des Bruttoinlandsproduktes das Bruttoinlandsglück ermittelt wird?

Z: WOW, das ist ja interessant. Wo ist denn das?

M: In Buthan, im Himalaja,  einem Land so groß wie die Schweiz. Dort steht in der Verfassung: „Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen.“ Seit sieben Jahren gibt es dort deshalb das Ministerium für Glück. Es handelt nach vier Leitlinien: 1.Bewahren und Fördern der Kultur; 2. Leben im Einklang mit der Natur; 3.gerechte Wirtschaftsentwicklung; 4.gutes Regieren.

Z: Das klingt ja toll! Übrigens: Die Erkenntnis, dass glückliches und zufriedenes Leben mindestens genauso wichtig ist wie alles andere, scheint in zwischen  auch Europa angekommen zu sein. Großbritanniens Premierminister sucht nach einem Glücksindex und der Deutsche Bundestag hat Anfang 2011 eine Kommission mit dem Namen »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« eingesetzt. Ihre Mitglieder sollen herausfinden, wie man das Bruttoinlandsprodukt künftig um einen Zufriedenheitsfaktor erweitern kann.

M: Interessant – und ist ja aller Ehren wert, dass es endlich mal nicht nur um Wachstum und Wohlstand gehen soll. Trotzdem: Was heißt denn das alles nun für mich ganz persönlich?

Z: Vermutlich kannst Du das nur selbst heraus finden…

M: Na toll …

Z: Moment! Etwas Wichtiges muss unbedingt hinzu kommen. Der Prediger sagt: Gott schickt dir beides -  Glück und Unglück. Und Dietrich Bonhoeffer sagt: „Glück und Unglück sind sich im Anfang kaum unterscheidbar nah“

M: Ja und?

Z: Das sagt doch,  dass wir -  also jeder Mensch -  zwar im Moment, in dem uns etwas widerfährt, dieses Ereignis zuordnen und sagen: „Da habe ich Glück gehabt“ oder „So ein Pech“. Dass aber erst die Zeit erweisen wird, was es wirklich war. So kann ein im Augenblick als Unglück erlebtes Ereignis in späterer Sicht auch etwas Gutes haben.

M: Hmh – es gibt ja den Satz: „Wer weiß schon, wozu das gut ist.“ Aber ob der wirklich hilfreich ist in einer schwierigen Situation? Also dieser Gedanke: Erst die Zeit wird erweisen, was Glück war und was nicht.

Z: Genau. Nur einer  -  nämlich Gott - kennt das Ganze.

M: Das ist wohl so – aber ich weiß nicht, ob dieser Gedanke mir gefällt. Mir ist schon klar, dass sehr vieles, was dem Menschen zufällt, unplanbar ist. Doch eigentlich möchten Menschen autark und selbstbestimmend sein und nicht irgendeinem Schicksal ausgeliefert.

Z: Nicht irgendeinem Schicksal, sondern Gott – und das ist etwas anderes.

M:  (Pause) - Ich glaube, ich verstehe – das hat etwas mit Vertrauen zu tun.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Wer die Entstehungsgeschichte dieses  Liedgedichtes  von Dietrich Bonhoeffer nicht kennt, könnte vermuten, es sei von einem rundherum glücklichen Menschen in harmonischen Lebensumständen geschrieben worden. Tatsächlich saß der Verfasser 1944 im Gefängnis und hatte nur noch wenige Monate zu leben.

Z: Genau …. Das Beispiel zeigt, dass es nicht darum geht, das Beste von allem zu haben oder aus etwas herauszuholen, sondern darauf zu vertrauen, dass wir mit Gott und Christus jemanden haben, der der große Ganze im Blick hat. Nicht nur mein Leben und meine Gegenwart. Der viel mehr Vergangenheit, Gegenwart und auch alles was kommt in eine Balance bringt. Und das, was mir geschieht, ist ein Rädchen – wichtig für eben dieses Große.

M: Deshalb konnte Dietrich Bonhoeffer zu unserem Thema auch schreiben: „Glück und Unglück, die rasch uns und überwältigend treffen, sind sich im Anfang kaum unterscheidbar nah“. Ich denke, er hatte dieses unbedingte Vertrauen, diesen Glauben, der durch alles trägt, was Menschen in ihrem Leben je erleben können.

Z: Das ist schon ein Geschenk, wenn man sich Gott so nahe fühlt. Und wenn ich das genau bedenke, dann ist es ja genau das, was uns die Bibel immer wieder sagt: „Gott ist dir, Mensch, nahe“ Nichts und niemand kann dich von ihm trennen. Du, Sie, ich -  wir alle immer in Gottes Nähe - wenn das kein Glück ist.

M: Dann lass uns genau das jetzt singen. Gott nahe zu sein ist mein Glück. Das ist die Jahreslosung für 2014.

Pieta
Dom Halberstadt innen

Fotos: Hartmut Bick

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