09. Sep 2012
Ungewöhnliche Musik - spannende Predigt und Fragen an jeden einzelnen im Halberstädter Dom
Im Mittelpunkt des Gottesdienstes am vergangenen Sonntag im Halberstädter Dom stand die Aufführung des Werkes "credo in US" von John Cage aus dem Jahr 1942. Oberlandeskirchenrat in Ruhe Pfarrer Dr. Klaus Röhring hielt dazu die Predigt und erinnerte daran, dass Cage mit den durchaus ungewöhnlichen - und für unsere zumeist harmoniebedürftigen Ohren - sperrigen Klängen aufrütteln wollte. Mit seiner Komposition verknüpfe sich zugleich die existentielle Frage nach unserem eigenen Glauben. (Die Predigt in voller Länge unten.)
Den Mitwirkenden unter Federführung von Festivalintendantin Karin Gastell gelangen großartige Aufführungen - nicht nur des Credo von John Cage, sondern auch von Chor- und Orgelmusik von Eric Satie.
Zum anschließenden Predigtnachgespräch verschlug es in Anbetracht der Gottesdienstlänge nur wenige, was der lebhaften Diskussion unter Moderation von Friedrich Kramer (Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt) und Karl Waldeck (Hofgeismar) um Inhalt und Form aber keinen Abbruch tat.
Predigt von Dr. Klaus Röhring
Liebe Gemeinde!
Credo in...? Ich glaube an... ? Das ist die Frage, die immer wieder neu sich uns stellt, wenn wir unser Leben einzurichten und täglich zu bestimmen haben.
Credo in... ? Ich glaube an...? Das ist die Frage, worauf wir unser Leben gründen und unsere Zuversicht setzen und wem wir vertrauen.
Credo in... ? Ich glaube an...? Das ist die Frage nach meinem Bekenntnis, an wen oder was ich eigentlich glaube, wenn ich sage: „Ich glaube“.
Darum im Thema und Titel dieses Gottesdienstes drei Punkte gesetzt sind, die gefüllt, bestimmt und benannt werden wollen. Denn es ist ja nicht ausgemacht für einen jeden, eine jede von uns, wen oder was wir da nennen, wen oder was wir als tragenden Grund unseres Lebens bekennen.
„Credo in unum deum“, „Ich glaube an den einen Gott“, wie das christliche Glaubensbekenntnis beginnt oder „Credo in US”, wie der amerikanische Komponist John Cage seine frühe Komposition (1942) doppeldeutig überschrieben hat. „Credo in US“, was man zweifach übersetzen kann: „Ich glaube an uns (selbst)“ oder „Ich glaube an die United States (of America)“, an die große Nation oder stellvertretend für sie an den $ (Dollar), der auf seinen Scheinen „In God we trust“ bekennt, „Wir vertrauen auf Gott“. Das aber kann – wie wir wissen – auch heißen: Wir vertrauen dem Wert dieses Scheines und dem, was man damit kaufen kann. Oder: „We believe“ in America“, wie es der Parteitag der Republikaner kürzlich verkündigte. Also am Ende doch nur uns selbst.
„Credo in US“. Credo in... ? Ich glaube an... ? Ja, an wen denn nun eigentlich?
Musik: Beispiel 1 Seite : O - 1
Man hat diese seltsame Komposition John Cages ein „Werk der Grausamkeit“ genannt, denn es stellt die Frage nach dem woran man glaubt auf eine typisch amerikanische Weise. Cage schlägt – wie wir hören konnten – einen ziemlich sarkastischen Ton an. Zwei Schlagzeuger, ein Klavierspieler agieren zu Radio- und Schallplattenklängen. Musik von Dvorak, Beethoven, Sibelius, Schostakowitsch oder anderen Klassikern kann man hören. Mit wilden Rhythmen wird hier auf sie eingeschlagen, auf diese götzengleich gewordene Klassik, auf diese zum Denkmal gemachte Musik, millionenfach verbreitet und verkauft, im Streit der Verwertungsgesellschaften, der Künstler und der Piraten, nach dem Marktwert des Dollars oder des Euro bewertet. Was tun wir, wenn wir sie hören? Was geschieht mit dieser Musik, wenn wir sie kaufen, raubkopieren , im Konzertsaal oder zuhause genießen? Wenn wir immer und immer wieder nur diese immergleichen Werke, diese immergleichen Sinfonien hören? Wird mit ihnen nicht Missbrauch getrieben, eine Art musikalischer Götzendienst gefeiert, zumal diese „Klassik“ am Ende dieses Stückes das letzte Wort behält? Credo in US... wir glauben als auch hier an uns?! Man kann diesen sarkastischen Tonfall hören und diese ironischen Fragen, die Cage als Pausen, wie Löcher komponiert:
Musik Beispiel 2: 12: 1 – 31 (S.13)
Credo in...? Ich glaube an...? Doch gibt es da nicht auch den typisch amerikanischen Traum, den des American way of life? Den großen Traum der Menschen vom großen Glück, vom Land der Verheißung und dem der Erfüllung? Credo in US? Hat, wie gesagt, dieser Traum nicht seinen Niederschlag auf der Dollarnote gefunden und wird er nicht täglich auf der ganzen Welt milliardenfach erinnert und wiederholt?
„In God we trust“, verkündet der Dollar. Wir glauben an Gott, wir verlassen uns auf ihn. Aber man darf sich schon fragen, ob mit dem „one“ auf dem Geldschein Gott als der eine und einzige gemeint sei oder ob dieser unter der Hand bloß zu dem einen Dollar wird und damit zum Welt bestimmenden Zahlenwert des Mammon.
Credo in US. Andererseits: Ist das nicht auch der Glaube an die Kraft einer Nation, eines Volkes, an die göttliche Kraft seiner Menschen, so dass auch wir möglicherweise dieses „US“ auf uns und das “Made in Germany“ beziehen könnten? Gilt dieser Glaube nicht auch noch heute trotz der globalen Finanz- und Wirtschaftsprobleme?
John Cage lässt uns die swingenden Töne dieses großen Menschheits-Traumes hören, die sich in diesem „Credo in US“ exemplarisch manifestieren, Töne, inzwischen geschichtlich geworden, Töne, die der 2. Weltkrieg noch nicht hatte trüben können:
Musik Beispiel 3: Seite 22: THIRD PROGRESSION bis S. 23 vorletztes System
„Credo in US“. Ja, es ist zunächst ein amerikanischer Traum, ein amerikanisches Bekenntnis. Lawrence Ferlinghetti hat es wie das doppeldeutige Credo des Komponisten in Verse gebracht:
I am waiting...
for a rebirth of wonder
and I am waiting for someone
to really discover America
...
I am waiting for the second Coming
(...) I am waiting for them to prove
that God is really American.
Ich warte
auf die Erneuerung der Wunder
und ich warte auf jemanden,
der America wirklich entdeckt...
Ich warte auf die Wiederkunft
und auf den Beweis,
dass Gott in Wirklichkeit
ein Amerikaner ist...
Credo in US“: Nur ein amerikanischer Traum? Nur ein amerikanisches Bekenntnis? Sind diese Traumklänge nicht auch in Europa und in aller Welt zu hören? Sind sie nicht bis nach Deutschland und jetzt auch nach Halberstadt? Klingen sie nicht auch in den Orgeltönen der Burchardikirche an? Credo in US? Ich glaube/ wir glauben an uns? Das könnte aber auch heißen: An die Freiheit des Einzelnen, seine unverwechselbare Individualität? An seinen freien, lässigen, großzügigen, unkonventionellen Lebensstil, der auf mitreißende Art in der Musik sich auszudrücken vermag – wie wir es in diesen Tagen hören konnten, der sich im Gesicht des fast immer lachenden John Cage niedergeschlagen hat?
Ist dieser Glaube, dieses Credo darum nicht viel sympathischer, menschlicher und voller Charme und Swing verglichen mit dem deutschen Credo, das mit dem „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss begann und mit dem Credo an den Führer in der Katastrophe endete, ein Traum, den Unverbesserliche noch immer und schon wieder zu unserem Credo machen wollen. „Ich glaube an...“?
Musik Beispiel 4: Seite 6 - 7: T 72 – 99
Ist es ein Zufall nur, dass John Cage diese dreifachen Schläge dreizehnmal sich wiederholen und in diese rhythmischen Strukturen sich auflösen lässt? Darf man, nein: muss man dies nicht auch als Kritik an diesem Credo hören, an dem „Credo in US“ im doppelten Sinn dieses Wortes?
Man hat, wie gesagt, diese seltsame Komposition ein „Werk der Grausamkeit“ genannt. Mit recht. Denn es stellt, wenn auch auf höchst provozierende Weise, die Frage nach unserer Freiheit. „Cage oder Die freigelassene Musik“, hat Heinz-Klaus Metzger diese formuliert, dem wir in der Burchardikirche eine Erinnerungstafel gesetzt haben, mit einem Zitat von ihm. „ ... und Cage konnte endlich Töne, Geräusche, Pausen, selbst die Modi ihrer technischen Hervorbringung sie selber sein lassen, nicht eingebunden in irgendwelche Zwecke oder heteronome Verfügungen, hinter denen sich allemal Herrschaft verbirgt.“ Oder, wie er in dieser Schrift schreibt: „Cage hat die Musiker in Freiheit gesetzt, lässt sie in seinem Werk tun und lassen, was sie wollen, schenkt ihnen ... die Würde von autonomen musikalischen Subjekten ... Die Idee der Freiheit wird als Theaterstück vorgeführt.“ Und in dieser Vorführung ist ja nicht die Freiheit der Pubertierenden gemeint, wie unser Bundespräsident sie kritisiert, sondern die Freiheit, die sich in der realen Welt in unserer Verantwortung verwirklichen will. Die Freiheit, die uns und andere freimacht, ist damit gemeint. Die durch uns die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen kann. Das ist doch die eigentliche Botschaft dieser „grausamen Musik.“ Und so liegt es an uns, dieses Freiheitsspiel in den Ernst unseres Lebens zu übersetzen, in unseren Alltag. John Cage hätte das „Hingabe“ genannt.
Aber diese Musik stellt ja nicht nur die Frage nach unserer Freiheit, sondern auch die Frage, ob dieses „Credo in US“, dieser Glaube an uns uns hält und trägt und uns wirklich befreit und damit menschlich macht? „Credo in US“, das könnte ja heißen, dass wir für uns und andere selbst zu Göttern werden, gemäß dem atheistischen Satz, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei. Will diese Selbstbehauptung und Selbstüberschätzung , diesen anthropozentrischen Unsinn wirklich jemand ernstlich und immer noch glauben?
Ich will’s konkretisieren: „Credo in US“: An die Götter in Weiß? An die Götter auf den Parketts der Börsen? An die Götter des Entertainments und des Sports? An die Götter der Charts? An die Götter der Technik und der Wissenschaft? An die Sterne, die angeblich niemals lügen? An das Geld, das diese Welt regiert und zur Seele unserer Gesellschaft wurde, zu unserem Monotheismus? „Woran du dein Herz hängst und verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Martin Luther hat schon recht, wenn er mit diesem schlichten Satz unseren alltäglichen Gottesdienst als Götzendienst entlarvt.
Credo in...? Ich glaube an... ? Ja, das ist die Frage, die immer wieder neu sich uns stellt, wenn wir unser Leben einzurichten und täglich zu bestimmen haben.
Credo in... ? Ich glaube an...? Das ist die Frage, worauf wir unser Leben gründen und unsere Zuversicht setzen und wem wir vertrauen. Das ist die Frage nach meinem Bekenntnis, an wen oder was ich eigentlich glaube, wenn ich sage: „Ich glaube“. Das ist die Frage, die John Cage uns mit seinem „Werk der Grausamkeit“ stellt.
Credo in unum deum. „Wir glauben Gott im höchsten Thron“ werden wir gleich singen, das musikalisch trinitarische Bekenntnis der Christen.
Credo in unum deum. Ich glaube an den einen Gott...
... was dem ersten der 10 Gebote gemäß nichts anderes heißt und bedeutet, als dass kein anderer Gott außer ihm sei, dem einen und einzigen, dem Schöpfer der Welt, der in seinem Sohn Jesus Christus uns auch als Vater sich zeigt und in seinem Geist zum Tröster in dieser sterblichen Welt uns wird und durch ihn diesen Glauben uns schenkt.
Credo in unum deum. Ich glaube an den einen Gott ...
... was nichts anderes heißt und bedeutet, als dass wir keine anderen Götter haben sollten, weil es nur selbstverfertigte, tote Götzen sind, Talismane aus Holz, Stein und Papier, Produkte religiöser Phantasie oder einer politischen Ideologie. „Sie haben Mäuler und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht, auch ist kein Odem in ihrem Munde“, wie der Psalmist (Ps 135, 15-18) sie ironisch verspottet und damit auch die, welche sie produzieren: „Die solche Götzen machen, sind ihnen gleich.“
... auch wenn sie so handfest und real zu berechnen und doch so unberechenbar sind wie der scheinbar allmächtige Mammon.
Credo in unum deum ... Ich glaube an den einen Gott...
... was nichts anderes heißt und bedeutet, als dass er der Lebendige und Leben Spendende ist, Ursprung und Grund aller Dinge, Anfang und Ende unserer Welt, von allem, was ist. Der uns ihm ähnlich macht, in Jesus Christus unser Menschenbruder wird und uns damit aus unserer Selbstüberschätzung zu unserem wahren Menschsein befreit.
Credo in unum deum. Ich glaube an den einen Gott ...
... was nichts anderes heißt und bedeutet, als aus aller Angst und Feigheit zur Freiheit befreit zu sein, um sich zu ihr in Wort und Tat zu bekennen und ihr in Verantwortung nachzukommen zu können, gemäß Luthers Wort: „Der Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemanden untertan – im Glauben.“
Credo in unum deum. Ich glaube an den einen Gott ...
... was nichts anderes heißt und bedeutet, als sich seiner sozialen Verantwortung zu stellen, der Solidarität mit den Mitmenschen, dass Gerechtigkeit herrsche in unserem Land, wie Luther es in kühner dialektischen Wendung sagt: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan – in der Liebe.“
Credo in...? Ich glaube an...? Es ist wohl die entscheidenste Frage in unserem Leben, ob wir „das ganze Herz des Menschen und alle Zuversicht auf Gott allein und niemand anders“ (Luther) setzen oder auf, ja wen denn eigentlich...?
Amen
Fotos: Martin Saß