08. Apr 2011
Ansprache über Worte aus den Klageliedern des Jeremia
, 10.30 Uhr, Martinikirche Halberstadt: Ansprache über Worte aus den Klageliedern des Jeremia
von Pfarrerin Hannah Becker
„Ejchah! „ Ein fremdes Wort. Ein klagendes Wort. Mit „Eicha“ beginnt eine biblische Schrift, die nennen wir Klagelieder des Jeremia. Eicha! – So setzen drei der fünf Lieder des Buches an, aus dem ersten Lied lese ich:
Eicha! Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war!
Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Völkern,
und die eine Königin unter den Ländern war, wird zur Fronarbeiterin.
Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Wangen laufen.
Es ist niemand, der ihr Ruhe gibt.
Alle ihre Freunde sind ihr untreu und ihre Feinde geworden.
Wie eine Totenklage, die für einen Menschen gehalten wird, beginnt das Lied. Mit demselben Jammerwort und im selben Sprachrhythmus wird um eine Stadt geklagt. Um die Stadt, um Jerusalem.
Jammern! Klagen! Das verbieten wir uns manchmal mit dem Satz, Klagen nützt nicht. Das wird umgehend ergänzt mit: Wir müssen nach vorn schauen. Nützen? Wovon eigentlich wissen wir sicher, dass es nützt? Und dann: Wem? Und wie lange?
Klagen. Zunächst ist es eine Äußerung. Ein Seufzen: Eine Last will an die Luft.
Wir in Halberstadt - wir klagen. Wir trauern. Jahr für Jahr treffen wir uns zum Trauern. Wie war diese Stadt schön! Was haben wir nicht verloren. Das ist der Tag, an dem wir gemeinsam nicht nach vorn, sondern zurück schauen. Das alles fehlt!
Und die Vielen fehlen. Weit wird unser Herz beim Klagen. Weich. Personen, ihre Namen und ihre Erscheinungen - leben in uns. Blickten wir nur nach vorn, vergäßen wir sie. Auch wenn wir manche ausschließlich vom Erzählen kennen, von einem Bild, so treten sie nahe zu uns.
Manche von uns denken an die, die sie selbst verloren haben. An die, die es noch in die Franzosenkirche geschafft haben. An die, deren Schreie zu hören waren. Manche von uns waren dabei. Menschen, die uns nahe sind, haben im Feuersturm gestanden, andere waren mit dem Handwagen unterwegs und wir gedenken ihrer, deren Leben von davon geprägt worden ist, was sie am achten April erlebten.
Gesegnet sei Ihr Trauern! Gesegnet sei Ihr Klagen, seien Ihre Worte, die zu Erzählungen wurden, zu Gedanken und Lebenseinstellungen.
Hörbar beim Trauern und Klagen werden die Ursachen – so im zweiten Klagelied:
Deine Propheten haben dir trügerische und törichte Gesichte verkündet und dir deine Schuld nicht aufgedeckt,
wodurch sie dein Geschick abgewandt hätten,
sondern sie haben dich Worte hören lassen,
die Täuschungen waren und dich verführten.
Was gäben wir dafür, Täuschungen nicht unterlegen gewesen zu sein, was dafür, dass dieser Krieg niemals begonnen worden wäre, was dafür, mit den Menschen lange und glücklich gelebt zu haben, die in diesen Tagen aus dem Leben gebombt worden waren?
Das dritte der fünf Klagelieder, das hat sein besonderes Mittel, jede Strophe beginnt mit einem neuen Buchstaben, das Lied klagt sich durch das ganze Alphabeth. Nichts soll vergessen werden, jeder Gedanke wird an die Leine der Buchstaben angeheftet, wird bewahrt zur Vollkommenheit. Hier kommt der Name Gottes vor. Adonaj, der Herr:
Er hat mir seine Pfeile in die Nieren geschossen.
Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.
Er hat mich auf Kiesel beißen lassen
und drückte mich nieder in die Asche.
Der so klagt, der weiß, dass nicht der Herr einen Krieg hat beginnen lassen. Wenn ich aber alle Ursachen bedenke, wenn ich rückhaltlos sie aufdecke, mein Zutun bedenke, meine Bereitschaft, mich täuschen zu lassen, dann sitzt der Schmerz tief und dann ist der Punkt getroffen, an welchem tatsächlich die Zukunft im Gestern beginnt.
Die Güte Gottes ist, dass wir nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat kein Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu und deine Treue ist groß.
Ejchah.
Die, die verloren haben,
denen die Größe und Güte dessen, was sie verloren haben, bewusst ist,
die seien gesegnet mit Geduld, Frieden zu suchen,
mit Geist, erzählend Verlorenes zu vergegenwärtigen,
mit Wahrheitsliebe, Täuschungen aufzudecken.
Amen.