Magdeburg am 26. Januar 2011

Kirche in der Welt von heute zu sein, dies heißt auch, zu ermahnen und Mut zuzusprechen, dort, wo es erforderlich ist. Heute, vor dem morgigen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wenden wir uns mit einem gemeinsamen Wort an die Öffentlichkeit. Uns motivieren im Wesentlichen zwei Umstände: Zum einen ist dies unsere Sorge um ein Erstarken extremistischer Erscheinungsformen, gleich, an welchem politischen Rand sie eingeordnet werden. Zum anderen ist es unsere Sorge um ein zu weit verbreitetes Desinteresse an zentralen demokratischen Vorgängen und die Gefahr einer hieraus resultierenden geringen Beteiligung der Wahlberechtigten an der am 20. März d. J. stattfindenden Wahl zum 6. Landtag von Sachsen-Anhalt.

1.„Wir sind das Volk – wir sind ein Volk“ – dieser Ruf steht für die ganze friedliche Revolution von 1989/90. Im vergangenen Jahr haben wir immer wieder an die Ereignisse der Montagsgebete, der Demonstrationen, des Mauerfalls und der Wiedervereinigung zu einem gemeinsamen Deutschland vor 20 Jahren gedacht. Wir haben erinnert und zurückgeblickt, uns über Erreichtes gefreut und Besorgnisse formuliert. Die Euphorie des Aufbruchs muss sich mit langem Atem bewähren. Und für viele gleicht die Erkenntnis einer Ernüchterung – dass Freiheit nicht nur Geschenk, sondern auch eigene Verantwortung ist, dass auch in der Demokratie die Gestaltung unseres Gemeinwesens in der Hand von Menschen liegt, Menschen, die sich einbringen und Idealen folgen, die als Menschen aber eben auch unvollkommen sind und fehlbar.
Demokratie lebt von Vielfalt und Beteiligung. Sie braucht das Engagement derer, die für das Zusammenleben der Menschen Verantwortung übernehmen wollen. Sie braucht den kritischen Einspruch derer, die sich benachteiligt sehen. Sie braucht die Bereitschaft, mit Kompromissen zu leben. Demokratie darf nicht nur hingenommen, sie muss aktiv gelebt werden.
In unserem Land gehen wir 2011 auf die Wahlen zum 6. Landtag von Sachsen-Anhalt zu. Als leitende Geistliche ermutigen wir dazu, diese Wahlen als Gelegenheit zu begreifen, sich in die Gestaltung unserer Wirklichkeit einzubringen. Wir wenden uns an Politikerinnen und Politiker, an Wählerinnen und Wähler, an die Christen in den Gemeinden, ihren Beitrag für lebendige Demokratie zum Wohle der Menschen zu leisten.

2. Wir wenden uns an die Politikerinnen und Politiker in unserem Land: Sie stehen als Repräsentanten unseres Gemeinwesens in besonderem Maße in der Öffentlichkeit. Sie übernehmen besondere Verantwortung für die Gesamtheit der Gesellschaft.
In der zu Ende gehenden Legislaturperiode haben viele von Ihnen in Sorge um unser Land und als Vertreter unseres Volkes durch Ihre Arbeit unsere Gesellschaft mitgestaltet, durch Ihren Einsatz im Landtag, in Regierungsfraktionen und in der parlamentarischen Opposition, oder durch Ihren Dienst in der Landesregierung. Wir sind dankbar für das mit diesen Aufgaben verbundene Engagement und freuen uns über alle, die sich wieder für ein Mandat bewerben.
Andere bewerben sich erstmalig und neu um ein politisches Mandat, um sich so in den Prozess politischer Willensbildung einzubringen. Im Wahlkampf engagieren sie sich in den kommenden Wochen im Wettbewerb um die Entscheidung der Wähler. Wir freuen uns über Ihr politisches Engagement.
In den letzten Jahren sind die Möglichkeiten medialer Kommunikation rasant gestiegen. Die Schnelllebigkeit inhaltlicher Aussagen hat deutlich zugenommen. So sind Politikerinnen und Politiker der Versuchung ausgesetzt, die Seriosität politischer Aussagen und Haltungen zugunsten von medial vielleicht erreichbaren Effekten in den Hintergrund treten zu lassen. Die ehrliche und deutliche Artikulation von realistischen politischen Zielen und Absichten auch und besonders im Wahlkampf ist aber Voraussetzung für eine spätere ehrliche Verantwortungsübernahme als Vertreter des Volkes. Politisches Handeln im Dialog mit den Bürgern ist eine über den Wahlkampf und den Wahltag weit hinausgehende Aufgabe. Die Kommunikation politischer Inhalte muss deswegen getragen sein von Ehrlichkeit, gegenseitiger Offenheit und der Bereitschaft, zuzuhören und aufeinander zu hören. Wir bitten Sie deshalb um ein faires Miteinander im Wahlkampf.

3. Unser nächstes Wort gilt besonders den Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt. Denn der von Politikerinnen und Politikern zu erwartende Realismus bei der Formulierung politischer Ziele und Inhalte korrespondiert mit den realistischen Erwartungen von Wählerinnen und Wählern. Deshalb sollten Politikerinnen und Politiker nicht mit unrealistischen Erwartungen zu unrealistischen Versprechen getrieben werden. Wahlprogramme der Parteien sind geeignet, anhand der eigenen Lebenssituation und der tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten beurteilt und geprüft zu werden. In Foren und Wahlveranstaltungen können Kandidatinnen und Kandidaten dazu befragt werden. Auch können sicherlich alle Kandidatinnen und Kandidaten auf verschiedenen Kommunikationswegen individuell angefragt werden.
So ermutigen wir alle Wahlberechtigten zur Teilnahme an den Wahlkampfangeboten und zur kritischen Auseinandersetzung mit den dort vorgetragenen politischen Zielen.

4. Schließlich wenden wir uns an die Christen in unseren Kirchengemeinden. Denn wichtige Werte für unser Zusammenleben in der Gesellschaft gründen auf Kernaussagen des christlichen Glaubens. So sind die Mitglieder unserer Gemeinden in besonderer Weise gefordert, als Kandidaten und als Wähler Werten wie der allen Menschen eigenen Würde und einer auf eigener Identität gegründeten Toleranz anderen gegenüber Glaubwürdigkeit zu verleihen.
In Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen soll Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit politischen Zielen und Inhalten der Kandidatinnen und Kandidaten bzw. Parteien gegeben werden. So sollen die Gemeinden ihre Räume für Gesprächsrunden öffnen, zu denen die unterschiedlichen Kandidaten eingeladen werden. Denn als Christen wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass für unser Land auch in Zukunft demokratisch legitimiertes politisches Handeln allen hier wohnenden Menschen ein Leben in Freiheit und Verantwortung, in Würde und gegenseitigem Respekt ermöglicht.

Wir wünschen einen offenen, ehrlichen und fairen Wahlkampf, der viele Wahlberechtigte tatsächlich erreicht und am 20. März zu einer guten Wahl für Sachsen-Anhalt führt.

Ilse Junkermann
Landesbischöfin
Joachim Liebig
Kirchenpräsident
Dr. Friedrich Weber
Landesbischof 
Dr. Gerhard Feige
Bischof 

 

Pieta
Klosterkirche Drübeck

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