Brief des Superintendenten zur Landtagswahl

14. Sep 2026

Wir Christen bleiben. Wir bleiben sichtbar. Wir bleiben an der Seite der Schwachen und der Leisen. Denn unsere Werte standen nicht und sie stehen nicht zur Wahl.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Geschwister,

die Menschen in Sachsen-Anhalt haben gewählt. Was das Ergebnis im Einzelnen bringt, werden wir sehen. Viele schauen mit Sorge darauf. Manche haben sogar Angst vor dem, was kommt, wenn eine AfD-Regierung umsetzt, was sie in ihrem Programm angekündigt hat.

Wir Christen bleiben. Wir bleiben sichtbar. Und wir bleiben an der Seite der Schwachen und der Leisen. Denn unsere Werte stehen nicht zur Wahl. Wir stehen weiter ein für die Würde jedes Einzelnen, für den Schutz der Heimatlosen, für Zusammenhalt statt Ausgrenzung.

Deutlicher als in den vergangenen Jahrzehnten werden wir vermutlich das prophetisch-kritische Wächteramt der Kirche gegenüber Staat und Gesellschaft ausüben müssen. Ich zitiere Landesbischof Friedrich Kramer: Wir werden „mit wachsamem Blick auf die Politik der AfD schauen“.

Friedrich Kramer wies im ARD-Brennpunkt am Wahlabend auch darauf hin, dass Christen für ihre Feinde beten. Das heißt: Bei aller politischen Klarheit dürfen wir nicht verlernen, Menschen als Menschen anzusehen - selbst wenn sie eine Partei wählen, die Rechtsradikale in ihren Reihen duldet und Positionen vertritt, die dem christlichen Menschenbild widersprechen.

Damit liegt die eigentliche Bewährungsprobe für uns als Kirche noch vor uns: Es gilt, in unseren Kirchengemeinden, in den Schulen, in den Einrichtungen der Diakonie, in Vereinen und auch in den Nachbarschaftskontakten Menschen zusammenbringen, die sich politisch sonst nur noch in den eigenen Social-Media-Blasen bewegen. Wer, wenn nicht wir als Kirche, kann solche „Dritten Orte“ öffnen? Räume zum Erzählen, zum Streiten, Kompromisse suchen, Desinformationen widersprechen … Vor allem geht es darum, das Gemeinsame zu finden und es stark zu machen.

Zugleich können wir dort all jenen Rückhalt geben, die sich einer aggressiven gesellschaftlichen Mehrheit ausgeliefert fühlen. Das Rohe und Raue, das gerade salonfähig wird, darf nicht die Oberhand behalten.

Auf jeden Fall wäre es falsch, die 43,8 Prozent AfD-Wählerinnen und -Wähler pauschal aus jedem Gespräch zu entlassen. Wer die Demokratie verteidigen will, muss dieses Gespräch suchen. Die Aufgabe für uns als Kirche lautet: Klar widersprechen, wo Menschenfeindlichkeit normal wird, aber ohne die Menschen zu verachten. Oder, zugespitzt mit den Worten Jesu aus der Bergpredigt: „Liebet eure Feinde.“

Und es gibt eine zweite Aufgabe für uns als Kirche: Auf Christus hinweisen. Und damit auf das Fundament von Glaube, Hoffnung, Liebe. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.“ (1Joh 4,16b) Christus ist der Maßstab.

Ich jedenfalls weigere mich, mich jetzt zurückzuziehen und „die mal machen zu lassen“. Nein, ich halte fest an der Vision, dass Besseres möglich ist. Oder auch so: Ich träume weiter wie einstmals Martin Luther King. Mehr als 60 Jahre ist seine beeindruckende Rede alt. Und sie ist doch so aktuell.

Ich habe den Traum, dass alle Menschen in einem Land leben werden, in dem sie nicht nach ihrer Herkunft beurteilt werden, nicht nach ihrem Glauben, ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer religiösen oder politischen Anschauung, sondern nach ihrem Charakter. Ich habe den Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Berg erniedrigt wird, und was rau ist, wird geglättet; und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbart werden, und alle werden es gemeinsam sehen (Jesaja 40,4-5). Und dann sagt King: Mit diesem Glauben werden wir in der Lage sein, die Dissonanzen unseres Miteinanders in eine wunderschöne Sinfonie der Geschwisterlichkeit zu verwandeln.

In herzlicher Verbundenheit!
Ihr Superintendent J. Schilling

Im September 2026