21. Nov 2025
Von wegen Jugendliche lesen nicht mehr. Sie sind mit einem klugen Konzept der Verlage und modernen Autoren zu der Zielgruppe der Lesenden geworden, die stetig wächst.
Verblüfft lege ich mein Buch aus der Hand und verfolge den Beitrag im Radio, der bisher nur an mir vorbeiplätscherte. Und hoffe, dass es vielleicht eine Gegenbewegung gibt zu den scheinbar allmächtigen Trends in unserer Gesellschaft. Ich bemerke, dass auch jugendliche Menschen wieder Schallplatten auflegen und Freude haben an der Fingerfertigkeit, die das braucht: bis hin zum Abwischen des Staubs auf dem Tonträger, das mehr ist als das tägliche vielhundertfache Wischen auf den Displays der Mobiltelefone. Und wenn sich dann noch eine heimelige Atmosphäre einstellt, weil die Nadel auch Nebengeräusche wiedergibt, die in all den digitalen Musikmaschinen längst gestrichen sind und vielleicht als zu glatt, zu kühl wahr-genommen werden: herrlich unperfekt!
Sorgenvoll schaue ich auf das Deckblatt eines renommierten Wochenmagazins, das wie folgt titelt: Du sollst schöner werden! und unter die Lupe nimmt, wie (nicht nur) Jugendliche unter dem Druck der Schönheitsnormierung leiden, sich beim Blick in den Spiegel als nicht perfekt erleben. Ich merke, wie sehr ich mir wünsche, dass sie das Handy aus der Hand legen, die (a)sozialen Medien ruhen lassen, und sich selber und andere annehmen lernen als: wunder-voll unperfekt! Und freue mich darüber, dass sie wieder Bücher in die Hand nehmen, bei de-nen eine umgeknickte Seite eine herrliche Eselei ist und das Gefühl, etwas Reales in der Hand zu haben, eine echte Sinnenfreude.
Ich nehme mein eigenes Buch wieder auf und lese (nicht ganz zufällig im November) den Lebensbericht einer Frau, die in wenigen Wochen die fünf wichtigsten Menschen in ihrem Leben verlor. Irmtraud Tarr erzählt eindrücklich davon, wie tief ihr Absturz war, und welches Netz sie gehalten hat. Erstmal nämlich keins. Doch dann: Täglich kam ein Fax (!) von einer Freundin, die sie spüren ließ, dass sie nicht vergessen ist. Freunde haben ihr andauerndes Fragen und Klagen ausgehalten, sie in den Arm genommen: Körperkontakt, der unter realen Menschen ein geheimnisvoller Schatz ist, sich digital einfach nicht vermittelt. Sie haben zu-sammen gegessen, getrunken, gebetet. Segnende Hände hat sie auf ihrem Kopf gespürt und die beginnende Lust, wieder Orgel zu spielen. Handgreiflichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes, Halteseile für haltlose Tage, auf die viele von uns in diesen Wochen zugehen, weil der Totensonntag naht.
Von wegen Totensonntag! denke ich mir und wohne mich ein in das ursprüngliche Wort für den Tag, an dem wir unserer Verstorbenen gedenken: Ewigkeitssonntag heißt er eigentlich und braucht unsere liebevolle Hand, die das Grab pflegt, eine Kerze anzündet, das Fotoalbum durchblättert. Und eine andere Hand drückt, die in diesen Tagen ebenfalls nach Halt sucht.
Matthias Zentner
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Seelenlicht
Am 23. November 2025 werden in den evangelischen Kirchen die Namen derer vorgelesen, die im vergangenen Jahr gestorben sind. Meist wird für jede und jeden ein Licht auf dem Altar entzündet.
Mir ist dieses Ritual am Ewigkeitssonntag, der auch Totensonntag genannt wird, wichtig. Der Tod lässt sich nicht vermeiden. Oft tut der Abschied sehr weh, hat unser Leben durcheinandergebracht.
Aber im Gottesdienst kommen wir mit anderen zusammen, wir hören die Namen der Verstorbenen, wir beten. Das lässt mich spüren: Auch unsere Toten gehören zu uns, wir blei-ben verbunden. Und niemand wird vergessen bei Gott, darum werden auch die Namen der Menschen verlesen, die keine Angehörigen mehr hatten.
Wir, die Lebenden, müssen loslassen und zu einer neuen Ordnung ohne den oder die Verstorbene finden. Manches wird vielleicht noch zu verzeihen sein, dem Verstorbenen oder mir selbst. Loslassen und weitergehen in das Leben danach braucht Zeit.
Aber für mich braucht das Loslassen noch etwas ganz anderes als nur Zeit:
Ich muss und darf meine Verstorbenen loslassen, aber nicht ins Leere, sondern zu Gott hin. Jedes Licht, das entzündet wird, steht für ein kleines Seelenlicht, das nun zurückgekehrt ist in das große Gotteslicht.
Ich bin dankbar, dass wir morgen die Möglichkeit haben, in äußerem Frieden unserer Toten zu gedenken. Möge es auch Wege zum Frieden im Herzen und untereinander öffnen!
Irene Sonnabend, Haus der Stille, Kloster Drübeck
