04. Apr 2026
Den Tag vor Ostersonntag nennen wir den Stillen Sonnabend. Es ist ein Tag mit eigener Chance, nachklingen zu lassen, nachzudenken. Vielleicht ist es wirklich zwischendurch still. Vielleicht schalte ich bewusst Ablenkendes aus.
In Gedanken bin ich bei denen, die um Jesus trauern. Bei Maria, Jesus´ Mutter, bei Maria Magdalena, bei Johannes … Es schwer für sie, zurück zu bleiben. Sich verloren zu fühlen im Getümmel. Den Tod zu spüren - als einen Abgrund, den die Anderen anscheinend nicht bemerken.
Im wahrsten Sinn des Wortes stehen sie Jesus nahe, stehen in seiner letzten Stunde neben dem Kreuz. Ganz verbunden sind sie mit ihm, sie haben ihr Leben geteilt. Jetzt bleiben sie zurück, jetzt sind sie nur noch ein Teil. Der Schmerz ist unsagbar.
„Stand die Mutter schmerzensreich unterm Kreuz…“, so beginnt eine bekannte Dichtung. Lateinisch: Stabat Mater dolorosa... Entstanden ist sie vor etwa sieben Jahrhunderten und immer wieder vertont. Über fünfzig musikalische Werke sind bekannt. Manche stammen aus heutiger Zeit.
Auch wenn die Komposition dreihundert Jahre alt ist, auch wenn sie in fremder Sprache gesungen wird: Unmittelbar erreicht mich das Leid der Mutter. Nah ist mir ihr Verlust. Ihr Schmerz. Ihre Liebe zu ihrem Sohn. Nahe kommt mir Jesus. Greifbar nah wird mir die Mutterliebe, die ich selbst erfuhr.
Was durch Wort und Klang ausgedrückt wird, arbeitet in mir selbst weiter. Eigenes Fühlen verbindet sich damit. Tränen kommen. Ich freue mich, diese Musik zu aufzunehmen. Sie trifft in mein Menschenleben bis in die Tiefe der Angst und des Verlorenseins. Das ist für mich die eine Seite der Unendlichkeit.
Unendlich. Das mathematische Zeichen für die Unendlichkeit ähnelt einer liegenden Acht.
Wieder und wieder kann ich der Linie folgen. Die Linie wird mehr und mehr sichtbar. Die liegende Acht: Auf der einen Seite sehe ich mich, sehe ich meine Realität, die andere Seite ist unsichtbar.
Auf meiner Seite sehe ich die Trauernden. Sehe Maria, denke an Menschen im Schmerz. Denke an Menschen, deren Leben zerstört wird.
Unsichtbar aber ist die Liebe. Die Liebe führt weiter. Die Liebe führt die Trauernden durch schwerste Stunden. Sie bestatten Jesus; sie ehren ihn. Ihm gelten ihre Gedanken und Kräfte. Ihn wollen sie in aller Frühe im Grab aufsuchen. In Furcht und mit Zittern. Sie bleiben bei ihm, was auch immer geschieht. Ihm, Jesus, sind sie im ganzen Wesen nah. Ihre Liebe ist stille Kraft. Ist tragfähig, ist eine Brücke zu Jesus´ Beten und Hoffen. Ist auf Gott bezogen. Auf Möglichkeiten, die es noch nicht gab. Das ist die unsichtbare Seite. Wunder können kommen.
Der Stille Sonnabend - ein Tag, um Mit-Mensch zu bleiben, mitzufühlen, zu trauern und zu hoffen.
Ostern können Menschen auf das Licht warten, beten und singen.
Eine gesegnete Zeit wünscht
Hannah Becker