17. Aug 2026
Diesen Satz habe ich von meiner Großmutter gelernt und er enthält viel Wahres. Oft ist es besser, die Klappe zu halten als gleich Kommentare abzugeben. Als Berlinerin weiß ich das, uns wird ja nachgesagt, „Herz und Schnauze“ zu haben.
Außerdem kann Schweigendürfen sehr entlastend sein: Reden kann ich mit sehr vielen Menschen. Schweigen, ohne dass es peinlich oder bedrohlich wirkt, nur mit wenigen, das setzt Vertrautheit voraus. In einem kurzen Gedicht von Reiner Kunze heißt es: „Treten Sie ein, legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen.“ Ein Text, den ich als sehr anheimelnd und einladend empfinde. Da darf ich aufatmen und abschalten, mich fallen lassen, muss niemanden unterhalten und keine Weisheiten von mir geben; fühle mich willkommen als diejenige, die ich gerade bin.
Allerdings weiß ich, dass Schweigen auch dunkle Seiten hat: Traurig und sogar unheilvoll wird es, wenn es beim Schweigen bleibt.
Stumm sein ist eine der Krankheiten unserer Zeit. Sprachlos sein, totschweigen, Kontakt verweigern. Es gibt Situationen, wo kein Gespräch mehr möglich scheint, weil die einen am Sprechen und die anderen am Hören gehindert sind.
Nach einer zermürbenden Auseinandersetzung kann der Eindruck entstehen: Das hat doch alles keinen Zweck mehr; der- oder diejenige hört überhaupt nicht zu. Was soll ich mich da noch anstrengen, wenn jeder gute Wille fehlt und ständig etwas unterstellt wird?
Oder wenn jemand meint, den anderen Menschen – den Partner oder die Partnerin – die Kollegin oder den Kollegen - so gut zu kennen, das da doch nichts Neues mehr zu erwarten ist, dass Reden nicht mehr lohnt, alles wieder und wieder gesagt, aber eben nicht geklärt ist.
Manchmal wird Schweigen als Strafe eingesetzt: „Mit der oder dem rede ich nicht mehr!“ Das grenzt den so verurteilten Menschen aus und macht ihn hilflos. Er kann sich nicht verteidigen, nichts er-klären oder auf-klären, keine neuen Wege eröffnen. Dann ist Schweigen alles andere als Gold, sondern ganz einfach falsch und widerspricht allem, was wir glauben.
Es gibt eine weitere Art des Schweigens: Wenn Menschen sich nicht trauen den Mund aufzumachen aus Angst vor den Folgen. Wer Kritisches sagt, wird angreifbar; sich gegen eine Mehrheit zu stellen, kann einsam machen; einem Mächtigen zu widersprechen, bringt Nachteile. Ein schmaler Grat zwischen Vorsicht und Feigheit.
Jesus hat Menschen zum Sprechen gebracht, er hat sie dazu ermuntert und befähigt. Damit das Unausgesprochene nicht die Atmosphäre vergiftet und Beziehungen zerstört. Offene Worte können dazu führen, Begebenheiten und Menschen in einem neuen Licht zu sehen und zu verstehen.
Manchmal ist es gar nicht so schwer, einem stumm Gewordenen oder stumm Gemachten die Stimme wieder zu schenken. Manchmal reicht die Bereitschaft, aufmerksam zuzuhören, offen zu sein für Unerwartetes, ohne Vorverurteilungen, ohne das Festhalten an negativen Erfahrungen.
Das kann auch sehr schwer sein, unmöglich erscheinen. Doch da ist ja noch die Hoffnung, dass Gott uns Wege zeigt, wo wir sie allein nicht sehen.
Vielleicht ist das ein Lichtblick für uns: wieder neu zu lernen, wann Schweigen gut tut – und wann ein Wort Versöhnung ermöglicht und neues Miteinander schenkt.
Gebet: Gott, du hast uns die Fähigkeiten gegeben zu reden und zu hören. Hilf uns dabei, beide richtig einzusetzen – einander ehrliche Meinungen zuzumuten und unterschiedliche auszuhalten. Amen.
Ursula Meckel
