Offene Kirche

12. Jun 2026

Sabine läuft die Straße entlang, vorbei an den sanierten Plattenbauten. Sie geht in Richtung Altstadt. Etwas müde ist sie, denn vergangene Nacht hat sie wenig Schlaf gefunden.

Sie hat am Bett ihres Enkelkindes gewacht, das Fieber hatte. Ihre Tochter hatte Nachtschicht. Da hilft sie natürlich gerne. Aber so leicht wie früher fällt ihr das nicht mehr. Nun geht sie wieder zu ihrer Wohnung. Ihr Blick fällt auf die Kirche an der sie vorbei geht. Dort steht: „Offene Kirche“. Soll sie kurz eintreten und einen Moment Pause machen? Nein, dafür hat sie keine Zeit: zu Hause wartet ihr Mann und ihre Nachbarin braucht auch noch Hilfe beim Online- Banking. Sie geht vorbei. 

Drinnen sitzt Monika auf einer Kirchenbank. Sie kam gerade vom Einkauf. Zu Hause wartet ihr Vater, den sie schon lange pflegt. Die offene Kirche aber hat sie gelockt, einen kleinen Moment Pause zu machen. Sie genießt die Stille und die ruhige Atmosphäre. Einen Moment lang schweigt alles in ihr. Es ist ihr als würde sie jemand unsichtbar umarmen. Eigenartig berührt verlässt sie die Kirche und geht schwungvoll, fast tänzelnd nach Hause. Zurück bleibt die Kirche.

 Auf dem Altar liegt die aufgeschlagene Bibel. Fett gedruckt steht dort der Vers von Jesus: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matthäus 11, 28-29)

Sabine und Monika sind gestandene Frauen. Beide helfen in ihren Familien und in der Nachbarschaft. Beide tragen viel. Pausen sind sie nicht gewohnt. Die eine geht an der offenen Kirche vorbei. Die andere tritt ein.

Sabine hat nichts falsch gemacht. Manchmal ist der Alltag so voll, dass selbst eine offene Tür nicht mehr wahrgenommen wird. Aber Monika erlebt, was geschehen kann, wenn ein Mensch für einen Moment innehält. Die Stille nimmt ihr nicht alle Last ab. Ihr Vater wartet noch immer zu Hause. Der Einkauf muss noch ausgepackt werden. Aber für einen Augenblick findet ihre Seele Ruhe. Es war eine freundlichen Begegnung mit Gott, würde ich sagen.

Vielleicht ist das eine Bedeutung des Jesuswortes: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Nicht alles wird sofort leichter. Aber manchmal reicht eine offene Tür, eine stille Kirche, ein kurzer Moment vor Gott, damit ein Mensch leichter weitergehen kann.

Steffen Weusten

Steffen Weusten 2026

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