Lasst uns reden

19. Jun 2026

Pünktlich zum Sommeranfang die nächste Hitzewelle. Ich bin ziemlich hitzeanfällig und versuche, die Nachtstunden und den ganz frühen Morgen zu nutzen, um konzentrierte Arbeiten zu erledigen.

Dabei fällt mir ein Mensch ein, den ich ein einziges Mal in meinem Leben sah,
als junges Mädchen, den schon alternden Bischof Dom Helder Camara, Erzbischof von Recife in Brasilien, mutiger Wächter für Menschenrechte während der Militärdiktatur.
Er pflegte nachts um 2 Uhr aufzustehen, um zu beten und schrieb auch kleine nächtliche Notizen auf. Eine fiel mir gerade in die Hände:

„Viele laufen so aggressiv herum. Sie machen den Eindruck von erschlafften, gereizten Übernächtigten. Sie sprechen nicht, sie fallen einen an. Sie sind kaum fähig, richtig zu urteilen, dem Wort eines anderen zu glauben, zu lieben. Es wäre zu schön, mein Gott, wenn Du sie heiter stimmen, entwaffnen, zum Schlafen bringen würdest.“*

Erinnert Sie das an etwas? Diese Worte scheinen mir ziemlich gut eine verbreitete Stimmung unserer Tage zu beschreiben: diese hohe Bereitschaft, sich zu ärgern und dem eigenen Ärger unreflektiert Luft zu machen. Dieser Verlust an Vertrauen, der alles anknabbert und entwertet,
was nicht unmittelbar den eigenen Vorstellungen entspricht.

Eigentlich bräuchten wir nicht nur Hitzealarm, sondern auch so etwas wie einen Erregungs- Alarm, nachdem alle erstmal einen Schritt zurücktreten und sich besinnen.
Um es deutlich zu sagen: Ich habe große Angst, dass diese Stimmung unser Land im September in die falschen Hände geraten lässt.

Helder Camaras Gebet tut mir da gut und lässt mich durchatmen:
Ich könnte ja anfangen mit der Heiterkeit – trotz allem. Abrüsten in Gesprächen und noch mehr zuhören.

Ja, liebe Schwester, lieber Bruder vom sogenannten rechten Rand: lass uns reden, trau Dich,
es wäre zu schön, wenn Gott Dich heiter stimmen würde und wir entdecken könnten, was unserem Land wirklich zum Guten diente – und was nicht.

Ich glaube, gegen die Kirchen zu polemisieren, Misstrauen gegen die staatlichen Verfassungsorgane zu schüren, Menschen anderer Hautfarben und anderen Glaubens abzuwerten, hilft wirklich keinem einzigen Menschen in Sachsen- Anhalt.

Was brauchen wir wirklich? Lasst uns reden. Heiter, ausgeschlafen und abgerüstet.

*Quelle: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981

Irene Sonnabend