Ehrlich gesagt...

05. Sep 2025

Ehrlich gesagt ist das Thema Demut offenbar fast gänzlich aus unserem Sprachgebrauch verschwunden; tatsächlich spielt es kaum eine Rolle mehr. Um ehrlich zu sein: meistens fehlt es mir auch gar nicht.

Was soll es denn bedeuten? Dass ich mich klein machen soll, manches Schicksal einfach ertragen, demütig annehmen muss, was mir das Leben an Lasten auferlegt oder mir andere Menschen zumuten, ohne mich zu widersetzen?

Demut, wie ich sie verstehen will, meint aber wahrscheinlich etwas ganz anderes: Dass ich die tatsächlichen Größenverhältnisse akzeptiere, weder der bessere Bundestrainer bin noch der bessere Verteidigungsminister, weder der bessere Schöpfer noch ein besserer Mensch als mich Gott nun einmal gemacht hat mit allen Talenten und allen Fehlern.

Demütig sein heißt für mich, anzuerkennen, dass es Dinge gibt, die größer sind als ich: Gott sowieso, seine Idee von einer gerechten Welt erst recht, seine Vision von meinem Mensch-sein obendrein. Demütig sein heißt dann auch, dass nicht ich es bin, der einschätzen kann, welches Potential in uns und unserer Gemeinschaft steckt. Dass ich es nicht besser weiß als Gott, der uns doch durchaus zutraut, seine Welt besser zu machen, als sie ist. Gottvertrauen statt Besserwisserei wäre so gesehen eine Spielart von Demut. Zuversichtlich statt miesepetrig zu sein, wäre dann eine durchaus heilsame Form von Demut. So klingt für mich ein Bibelvers ganz neu: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Ehrlich gesagt habe ich das Wort Demut in meinem Nachdenken langsam wieder liebgewonnen, fühl mich gar nicht klein, sondern ermutigt, den Rücken gerade durchzudrücken. Tatsächlich fällt mir noch ein Prinzip ein, dass größer ist als ich: Wahrheit. Um ehrlich zu sein ist mir in den letzten Monaten aufgefallen, wie oft wir Wahrheitsvokabeln benutzen, wie ich es auch in diesem Text mache: Tatsächlich! Um ehrlich zu sein.../Ehrlich gesagt...

Ich glaube, dass sie unbewusst, aber wirklich häufig benutzt werden, hat damit zu tun, dass sie verloren zu gehen droht, wo die Mächtigsten der Welt von alternativen Wahrheiten schwadronieren, jeder die Wahrheit für sich gepachtet hat und keine andere mehr gelten lässt und man sich schließlich im Dschungel all der Wahrheiten kaum mehr zurechtfinden kann. In unserem Sprachgebrauch verbirgt sich wohl die Sehnsucht nach dem, was da gerade verloren geht. Gottes Wahrheit ist: Wir alle sind seine Geschöpfe und aufeinander angewie-sen. Seine Schöpfung ist so wunderbar wie zerbrechlich: wir brauchen sie und sollten pfleglich mit ihr umgehen. Dass Frieden und Gerechtigkeit einander küssen, wie es ein altes Gebet erhofft, ist nicht nur eine Vision der Bibel, sondern ein Auftrag, um den wir uns kümmern müssen. All das braucht viel Kraft, aber ER, der größer ist als wir, will sie uns schenken. Ehrlich gesagt freut mich das ungemein.

Matthias Zentner

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Matthias Zentner
Pfarrer in der Ev. Kirchengemeinde Wernigerode und 50% Krankenhausseelsorge in der Evangelischen Stiftung Neinstedt
Aegidiikirchhof 3
06484 Quedlinburg