Ängste unterbrechen durch Singen

07. Mai 2026

Ein Kollege von mir begann jahrelang Kantate-Predigten anklagend mit: „Kantate! Wer singt denn heute noch? Ein paar hochbezahlte Solisten...und die Betrunkenen auf unseren Straßen.“

– sehr zum Ärger des engagierten Kirchenmusikers. Dabei wird viel gesungen: im Chor, allein, in geselliger Runde; manchmal wird nur geträllert, gepfiffen oder fröhlich vor sich hin gesummt; aus Freude heraus oder gegen Ängste.


Singen tut gut.


Allerdings dominieren oft Klagelieder; anklagend, jammernd, nicht immer melodiös. Loblieder sind seltener geworden; selbst im Gottesdienst klingen sie bisweilen müde statt mitreißend.


Gründe zur Klage gibt es genug. Und doch singen Menschen auch vor Freude. Manchmal frage ich mich: Darf ich das, so richtig froh singen angesichts von Weltsituation, Kriegen und Leid?


Vielleicht singt die Gemeinde aus Angst, wie Kinder im dunklen Keller, um sich Mut zu machen? Ich glaube nein: Sie singt Gottes Lob, ohne so zu tun, als sei alles in Ordnung. Aber sie betet und singt. Nicht, weil alles perfekt wäre, sondern weil sie spüren: Gottes Güte ist größer als ihre Ängste.


Viele Lieder unseres Gesangbuchs entstanden in Kriegs- und Pestzeiten. Gerade bedrohte Gemeinden singen und beten gegen das zu Fürchtende: Sie unterbrechen Ängste und setzen hörbare Hoffnungszeichen.


In den alten Worten erkenne ich Gründe gegen jede Form von Resignation. Und viele Gründe zum Beten und zum Singen, gegen die Angst, voller Vertrauen und Hoffnung - und das keineswegs nur für hochbezahlte Solistinnen und Solisten.


Ursula Meckel