Herbert Gerhardt verstorben

18.05.2017

„Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern“ besagt eine alte Journalistenweisheit. Aber auch: „Wer schreibt, der bleibt“ – Weisheiten, die ich in meinen jungen Jahren von Herbert Gerhardt gelernt habe, dem damaligen Kreiskatecheten von Nordhausen, bekannt als Kirchenonkel und Vielschreibender.

Inzwischen ist es lange her, dass fast alle in der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und darüber hinaus seinen Namen und auch seine Stimme kannten: Von der beliebten monatlichen Tonbildserie „Kirche im Bild“ her, die er zusammen mit anderen gestaltete. Dazu kamen die von ihm allein verantworteten Serien für Kinder („Gottes Kinder geben Gott die Ehre“), für Konfirmanden („Konfirmandenkaleidoskop“) und für die Junge Gemeinde („Kirche, Welt und junge Leute“) und etliche Sonderfolgen, u.a. mit „Kirchenkaspers Knüller-Kiste“. Wortspiele, die sich ebenso einprägten wie originelle Buchtitel: „Im Bandumdrehen“ widmete sich zum Beispiel dem damals neuen Medium Tonbandgerät.

Am 26. August 1929 wurde Herbert Gerhardt in Sangerhausen geboren, über 50 Jahre hatte er in Nordhausen seinen Hauptwohnsitz. Dort wirkte er viele Jahre als Kreiskatechet, damals der jüngste weit und breit. Über sich und seine Arbeit hat er einmal gesagt: „Ich habe das Glück, dass ich mein Hobby zu meinem Beruf machen konnte.“

Beruf und Berufung zugleich war die Arbeit mit Kindern und das Schreiben. Ideen flogen ihm nur so zu und er hat viel gesammelt und gelesen. Im Oktober 1959 schrieb er den ersten Artikel für unsere Kirchenzeitung. Seine Nähe zur DDR-CDU stieß auf viel Unverständnis und führte zu kontroversen Diskussionen. Dennoch wurde seine Arbeit, auch für die Kirchenpresse, sehr geschätzt.

Auch nach seinem Eintritt in den „Unruhestand“ war er viel unterwegs. Zu treffen war er auf diversen Messen, Pressekonferenzen und Kirchentagen. Er engagierte sich u.a. im „Verein für Geschichte von Sangerhausen und Umgebung e.V.“, beteiligte sich an Projekten in Schulen, um Kindern Erfahrungen mit der DDR zu vermitteln. Ausstellungen, unter anderem über von ihm gesammelte DDR-Filmplakate, vervollständigten seine Aktivitäten.

Das Schicksal jüdischer Mitbürger/innen und Synagogen beschäftigte den Sammler und Publizisten ebenso wie die Gegenwart und es ärgerte ihn, wenn Osterfeierlichkeiten bereits am Karfreitag ihren offiziellen Anfang nahmen. Zur Feder griff er auch, wenn sture Bahnbeamte ihm im Zug keine Fahrkarte verkaufen wollten und er den Automaten wegen der schlechter werdenden Augen nicht bedienen konnte.

Über Krankheiten mochte er ebenso wenig sprechen wie über Computer, die ihm etwas suspekt blieben. Das machte nichts, weil er immer jemanden fand, der ihm etwas heraussuchte oder ausdruckte.
Als belesener Mann kannte und befolgte er den Ausspruch von Sören Kierkegaard: „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.“

Folglich lebte er nicht in der Vergangenheit, sondern sehr gegenwärtig.
Seinen 80. Geburtstag verbrachte er fern der Heimatstadt. Große Festrunden waren einfach nicht sein Ding.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte er überwiegend in einem Hotel, zunächst in Halle, zuletzt in Braunlage, wo er sich als Gast wohl fühlte und die  Anlagen genoß.

Vor wenigen Wochen wurde er pflegebedürftig und siedelte um nach Bremen, wo er am 17. Mai 2017 in seinem schönen Zimmer friedlich eingeschlafen ist.

Auch in unserem Kirchenkreis werden sich noch viele gerne an ihn und seine Zeit in Neinstedt und später bei Kreiskindertagen erinnern – an einen lebensbejahenden und fröhlichen, zuweilen unbequemen Mitarbeiter und Mitmenschen.

Ein Spruch, der auf ihn zutrifft lautet: „Wer unbequem ist, bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig“.
Letzteres war er ganz bestimmt nie.

Ursula Meckel

Der Trauergottesdienst findet am 30. Mai 2017 um 14 Uhr auf dem Friedhof in Sangerhausen statt.

Herbert Gerhardtzoom

Foto: Ursula Meckel

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