Hat sich’s nun ausgeluthert?

11.11.2017

Beitrag für die MZ / QLB vom 11. November 2017

Kürzlich habe ich nochmal die Chance genutzt und mich vom Luther-Jubiläumsfieber packen lassen. Und: Wittenberg war tatsächlich eine Reise wert. Nicht nur, weil es gelungen ist, die dortigen Luthergedenkstätten in ganzer Schönheit erstrahlen zu lassen – wahrscheinlich gibt es ja auch bis zum nächsten großen Jubiläum im Jahr 2117 kein Geld mehr dafür. Sondern auch, weil es ein ziemlich europäisches und ein recht ökumenisches Jubiläumsjahr geworden ist – ganz anders, als manch deutschtümelnder Geburtstag in den Jahrhunderten zuvor.

Besonders beeindruckt hat mich die Sonderausstellung „95 Schätze – 95 Menschen“: aus allen Himmelsrichtungen sind 95 Exponate zusammengetragen worden, die helfen sollen, das Phänomen Reformation mit ihren hellen und dunklen Seiten verstehbar zu machen. Noch eindrücklicher: 95 Protestanten, die uns mehr oder minder als solche vor Augen sind: Karl May, der seinen sterbenden Winnetou Christ werden lässt. Astrid Lindgren, deren frecher Michel aus Lönneberga dem Knecht Alfred das Leben rettet, weil sich für einen Christen Nächstenliebe eben von selbst versteht. Thomas Mann, der sich über Luthers Derbheit är-gert.

Apropos ärgern: zwei Dinge sind mir aufgefallen, die ich zu manchem, was ja auch kri-tisch über das Jubiläumsjahr geäußert wird, hinzustellen will. Zunächst irritiert mich, dass es dem großen Fest trotz all seiner gelungenen Ideen nicht gelungen ist, ein gesellschaftliches Thema wirklich zu platzieren. Stattdessen schafft es ein 19jährigen Pfleger in einem Auftritt kurz vor der Bundestagswahl im Fernsehen, nicht nur der Kanzlerin, sondern der Politik insgesamt ins Stammbuch zu schreiben, dass es um die Würde der Menschen im Krankenhaus und Pflegeheim nicht immer gut bestellt ist. Plötzlich war klar, dass es hier nicht nur Miss-stände gibt, sondern dass sich Politiker und Bürger dieses Landes darum kümmern müssen: die Pflege wurde auf den letzten Metern endlich zum Wahlkampfthema: hoffentlich nützt’s! Luther jedenfalls hat die Armut in seiner Stadt damals auch gestunken, und er hat sich um Abhilfe bemüht und gemeinsam mit dem Rat seiner Stadt einen Vorläufer unserer Kranken- und Pflegeversicherungen erfunden.

Selbst wenn es manchen in unserer Gesellschaft nervt, dass die Kirche ihre Stimme kritisch erhebt: wenn sie ihren Luther richtig versteht, sollte sie Missstände benennen dürfen!

Mein zweiter Ärger: in der oben beschriebenen Ausstellung fand sich neben Steve Jobs nur ein (!) moderner Mensch, der auch jüngeren Besuchern bekannt sein dürfte: Edward Snowden. Aber genau der steht für das, was ich mir im Erinnern an Luther mutiger gewünscht hätte: dafür zu werben, seinem Gewissen zu folgen, schlimme Dinge nicht einfach hinzunehmen, zu streiten, sich einzusetzen, selbst dann, wenn man Nachteile fürchten muss. Da sind sich Snowden und Luther ganz nah und könnten auch jungen Menschen Vorbild sein. So verstanden hätt’ ich’s schon gern, wenn es auch nach dem 31.10.2017 kräftig weiterluthert.

Pfarrer Matthias Zentner, Krankenhausseelsorger

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